VON André Jörg | 01.11.2017 14:17

Gibst du mir, so geb ich dir – Ist nur Bares Wahres?

Die sogenannte „shared economy“ durchlebt seit vielen Jahren ein gesteigertes Interesse im Umfeld von Soziologie, Ökonomie und den Medien. So ist es fast naheliegend, dass die CeBit „Shareconomy“ im Jahr 2013 zu ihrem Leitthema erklärte. Längerfristig wird die „shared economy“ wohl einen nicht unerheblichen Anteil der Volkswirtschaft ausmachen.

Da der Begriff der „shared economy“ schwer zu fassen ist, kann man in massiv vereinfachter Form zwischen einer kommerziellen und einer ideellen Form des Teilens differenzieren. „Shared economy“ ist ein Sammelbegriff für Firmen, Geschäftsmodelle, Plattformen, Online- und Offline-Communitys und Praktiken, die eine geteilte Nutzung von ganz oder teilweise ungenutzten Ressourcen ermöglichen.

Allerdings ist diese Wirtschaftsform kein Novum der 2000er Jahre. Schon in den 1970er Jahren gab es beispielsweise Mitfahrgelegenheiten oder Lesezirkel in Arztpraxen. Mal abgesehen von archaischen Stammesverbänden, die ihre Ressourcen gemeinsam nutzten. Jedoch läuft in der Jetzt-Zeit, nicht zuletzt durch die Digitalisierung und die sozialen Netzwerke, vieles professionalisierter, flexibler und schneller ab. Manche lassen sich dazu hinreißen von einer dritten - nach Eisenbahn und Dampfmaschine und nach dem Computer - industriellen Revolution zu sprechen.

Paradebeispiele für die „shared economy“ im kommerziellen Sinn wären Firmen wie Uber und Airbnb. Beide finden sich einer immer deutlicher werdenden Kritik ausgesetzt. Bei Uber, der gefürchteten Konkurrenz herkömmlicher Taxis, kann man via App ein Auto, samt Sonderwünschen wie etwa dem Modell, bestellen. Die Vorteile liegen erstmal auf der Hand. Die Preise sind günstiger, die Autos fallen individueller aus, und die Fahrt bekommt, da es dem Anschein nach autonome Kleinunternehmer/-innen sind, eine persönlichere Note. Auch die Fahrer/-innen genießen Vorteile. Sie müssen keine langjährige Taxlerausbildung hinter sich bringen, können mit ihrem eigenen Auto fahren und arbeiten wann und wo sie wollen. Die Schattenseiten erkennt man erst bei genauerem Hinsehen und sie bestehen vor allem für den Fahrenden. Man muss einen beträchtlichen Teil der Gage an Uber abgeben, hat keine Krankenversicherungsschutz und auch sonst keinen Arbeitnehmerschutz, wie einen Mindestlohn oder Arbeitszeitregeln. Der DGB-Chef Reiner Hoffmann spricht bei derlei Beschäftigungsverhältnissen von „moderner Sklaverei“. Fast nebensächlich erscheint dabei, dass auch die C02-Emissionen angestiegen sind, da nun deutlich mehr Menschen den Service des Chauffiertwerdens in Anspruch nehmen.

Nimmt man Airbnb näher unter die Lupe so relativiert sich auch dort der Positivhype schnell. Untermieter/-innen beziehungsweise zumeist Reisende kommen in den Genuss authentische Wohnerlebnisse zu haben und können oftmals gegenüber einem normalen Hotel Geld sparen. Im Zweifel lernen sie die Vermietenden kennen und gewinnen somit auch einen sozialen Anschluss. Wobei gerade das häufiger nicht mehr der Fall ist, da mancherorts Wohnungen angemietet werden, um sie dann via Airbnb unterzuvermieten. Das hat den Effekt, dass es zu einem Leerstand von Wohnungen kommt und gleichzeitig der Mitspiegel ansteigt. Die somit angepriesene Authentizität, also das Leben/Wohnen "wie ein Einheimischer" in seiner entsprechenden Umgebung, verdünnisiert sich somit peu à peu, denn die können sich die Mieten nicht mehr leisten. Auch ein Faktor der Gentrifizierung an Tourismusballungsgebieten. Ähnliches lässt sich auch gut in Städten wie Marseille beobachten. Außerdem durchleben Hotels massive Gewinneinbrüche, was sich wiederum auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen kann und Familienhotels zum Verschwinden bringt.

Weitere Nachteile von Uber, wie Airbnb sind die Steuereinnahmen, die dem Fiskus entgehen. In den Niederlanden gibt es mittlerweile eine Zwangsabgabe von Uber an den Staat. Die hiesigen Diskussionen in Politik und Wirtschaft über diese beiden Portale reichen von einem Laissez-faire hin zu Forderungen eines Totalverbots. Heikel sind auch die Aspekte zum Datenschutz. Zumeist überlassen die Nutzer/-innen diesen Unternehmen wie auch anderen Nutzer/-innen, aus einer Mischung von Zugeständnissen und teils bloßer Ignoranz eine Vielzahl persönlicher Informationen. So kann man Einblicke in die Lebensweise, die Einrichtung und Reisepläne der Teilnehmenden bekommen. Die Profilbilder natürlich nicht zu vergessen.

Sonst knallt's

Kurzum, wie so vieles in der weiten Welt des Konsums, bringen diese Angebote Vor- und Nachteile mit sich. Die Nachteile bekommt man aber tendenziell erst zeitlich versetzt zu spüren. Und der zunächst erwirtschaftete Mehrwert kommt nur wenigen zu Gute, das "Mehr" lastet schwer als Negativwert auf dem Rücken des sozialen Miteinanders... Wieder und wieder eine Perversion des "Survivals of the Fittest".

Versucht man nun den Blick auf solidarischere Formen der „shared economy“ zu steuern, so muss man sich wohl weit von den oben genannten Unternehmen entfernen. Die Historikerin Luise Tremel meinte einmal passend dazu: "Sankt Martin hat geteilt, und der hat auch nicht seinen Mantel, als er ihn nicht brauchte, stundenweise vermietet."

Gleichzeitig verweist sie auf andere Formen des Teilens, wenn man so will auf „echtes“ Teilen, bei dem der Mensch nicht zur Gänze kapitalisiert wird. Um dem gerecht zu werden, zählt Tremel drei Kriterien auf: Es müssen weniger Ressourcen verbraucht werden; Teilen sollte menschliche Begegnungen schaffen; Es soll denjenigen Zugang zu Waren, Arbeit und Dienstleistungen ermöglicht werden, die diesen Zugang sonst nicht hätten.

Eine mögliche Herangehensweise wären Projekte wie die Siedlung Burgunder in Bern. Die dort Ansässigen haben eine Siedlung aus nachhaltigen Baustoffen ohne Parkplätze gebaut. Statt diesen gibt es mehr Grünanlagen, die zum Austausch einladen, und an Autos kommen die Bewohner via Carsharing. Somit wird die Umwelt geschont, Geld gespart und Bereiche geschaffen, die zum sozialen Austausch oder zum Spielen für Kinder dienen können.

Es lässt sich wohl nur hoffen, dass sich der angepriesene Trendwechsel von "weniger ist mehr", gepaart mit einem aufrichtigen Teilen weiter entfaltet. Die Grenzen des Wachstums, auf die unter anderem der Club of Rome regelmäßig hinweist, sollten dafür alarmierend genug sein.

Wer konsequent auf die vom Club of Rome analysierten Probleme reagiert, müsste sich damit abfinden, weniger zu besitzen, weniger wegwerfen und qualitativ bessere Produkte konsumieren. Die Zukunftsvision, die der Club of Rome als Folge auf die erreichten "Grenzen des Wachstums" ableitet, muss zu mehr als nur einer breit angelegten Diskussion führen.

Beispiele für das „echte Teilen“:
www.netzwerk-nachbarschaft.net
www.nebenan.de
www.foodsharing.de

Bild von Elaine Casap via Unsplash.