VON CLEMENS POKORNY | 27.08.2014 12:23

Ohne Worte

Dass unsere Körpersprache mehr über uns verrät als unsere Worte, die ja geheuchelt sein können, ist bekannt – weniger aber, dass Blicke, Mimik und Gestik etwa achtmal so viel zu unserer Wirkung auf Andere beitragen wie unsere Worte alleine. Vieles von unserer non-verbalen Kommunikation können wir nicht bewusst steuern, aber wir können Gesten auch gezielt einsetzen – und an anderen Menschen oft sicher interpretieren.


Jeder weiß, dass auch Menschen nicht nur sprachlich miteinander kommunizieren. Doch das Ausmaß non-verbaler Kommunikation überrascht: Zu unserem Gesamteindruck von einem Gegenüber tragen dessen Worte nur zu 7% bei, der Tonfall aber zu 38% und die Körpersprache sogar zu 55%. Wer darauf Wert legt, bei anderen gut anzukommen, sei es im Vorstellungsgespräch oder bei einem begehrten Wesen, kann insbesondere seine Körpersprache nur bedingt manipulieren.

Denn man muss sich schon sehr darauf konzentrieren, Mimik und Gesten zu vermeiden, die über alle Kulturen hinweg unbewusst eingesetzt werden. Bei Lügen erröten die meisten und fassen sich ins Gesicht, wenn auch nicht mehr, wie noch Kinder, mit der ganzen Hand – das ist ebenso eine Schamgeste wie die Vermeidung des Blickkontakts (siehe unten). Auch die Veränderungen von Herzfrequenz und Transpiration beim Lügen lassen sich nur schwer kontrollieren.

Ausdrucksstarke Augenblicke

Doch viel offensichtlicher „sprechen“ wir mit unseren Händen und Augen. Wer sich die Hände reibt, dem geht es gut; wer die sensiblen Handflächen zeigt, öffnet sich seinem Gegenüber. Dagegen signalisieren verschränkte Arme Distanz und Defensive und der auf das Gegenüber gerichtete Zeigefinger Aggression. Diese Gesten lassen sich natürlich auch bewusst einsetzen bzw. vermeiden, um eine gute Atmosphäre zu schaffen, v.a. die geöffneten Hände und Arme. Wer sich bei einem Vortrag am Pult festklammert, verrät seine Unsicherheit – keine optimale Voraussetzung, um in Sprechberufen zu reüssieren. Die Bedeutung einiger häufiger unterbewusster Handbewegungen ist, obwohl gut erforscht, noch weitgehend unbekannt. So verrät die auf die Hand gestützte Wange Interesse und nicht etwa Langeweile. Wer mit den Fingern auf einer glatten Unterlage trommelt, ist ebenso wenig gelangweilt, sondern vielmehr ungeduldig. Und die Hand auf dem Mund deutet während eines Vortrags genau wie in einem Moment der Überraschung an, dass wir ratlos sind und Fragen haben.

Viele Gebärden stammen noch aus der Frühzeit des Menschen: Mit dem Verschränken von Armen und Beinen schützen wir wichtige Körperteile (Herz bzw. Geschlechtsorgane). Bekanntlich richtet eine Frau beim Kontakt mit einem Mann, der ihr noch nicht vertraut genug ist, unbewusst das Knie oder, im Sitzen, einen Fuß wehrhaft in Richtung des empfindlichen Schritts ihres Gegenübers. Und auch Rituale wie Winken und Händeschütteln haben ihre archaischen Gründe: Wir zeigen damit, dass wir unbewaffnet sind und gute Absichten haben. Genauso, wie unser Körper noch steinzeitlich gebaut ist (und unweigerlich früher oder später unter Zivilisationskrankheiten leidet, wenn wir zu oft und lange vor dem Computer sitzen oder zu viel tierisches Eiweiß zu uns nehmen), benutzen wir also unbewusst noch immer dieselbe Körpersprache wie unsere Urahnen.

Auch unsere Augen reagieren oft unbeeinflussbar auf unsere Mitmenschen. Bei erfreulichen Anblicken weiten sich die Pupillen, damit wir besser sehen. Deshalb tragen Pokerspieler gerne getönte Brillen. Schon in der Antike träufelten sich reiche Damen eine pupillenerweiternde Substanz in die Augen, um mit diesen größeren Augen attraktiver zu wirken. Die im Vergleich zu allen anderen Primaten sehr große Sclera (die weiße Augenhaut) hilft uns dabei, mit unseren Augen zu kommunizieren, weil sie zu der in ihrer Größe veränderlichen Iris einen starken Kontrast bildet und dadurch die Blickrichtung besser erkennen lässt. Blicke sind aber teilweise strengen gesellschaftlichen Konventionen unterworfen: Menschen, insbesondere ihre entblößten Geschlechtsteile, starrt man nicht an. Kommen sich zwei Fremde zu Fuß entgegen, vermeiden sie es ab ziemlich genau drei Metern, den anderen anzusehen – das kann als archaische Friedfertigkeitsgeste gedeutet werden. Besonders vielfältige Formen nimmt der unbewusste Einsatz der Augenbrauen an. Sie helfen uns sogar bei der Affektkontrolle: Wer einen Wutausbruch vermeiden möchte, sollte nicht nur tief durchatmen, sondern auch die Augenbrauen hochziehen – bei einem Zornigen dagegen verengen sich die Augen, wodurch sich auch seine Brauen senken. Der Selbstversuch zeigt, dass es hilft.

Angesichts dieser großen Bandbreite an körpersprachlichen Ausdrucksformen fällt es schon leichter, den Anteil der Körpersprache von 55% an unserer Wirkung auf andere zu glauben. Wer authentisch und damit überzeugend auftreten will, sollte natürlich darauf achten, dass alle Aspekte seiner bewussten wie unbewussten Kommunikation mit anderen im Einklang stehen. Dies schließt Heuchelei und Lügen aus – die sich ja ohnehin nicht verbergen lassen: Unser meist vom Unterbewusstsein bestimmter Körper kann nicht dauerhaft lügen. Vielmehr eröffnet er uns viele Chancen, mit Menschen in Kontakt zu treten, und zwar auch solchen, die nicht unsere Sprache sprechen oder die uns geistig nicht immer folgen können. Und was macht das Leben lebenswerter als die Interaktion mit anderen Menschen?