
Meine Mama sagt immer: „Mütter sind zum erziehen da, Omas zum verwöhnen“. Und genau das hat meine Oma immer gemacht, bis zu dem Tag im Dezember vor vier Jahren. Der Anruf hat mich gelähmt. Ich war in einer großen Luftblase gefangen, die mich von allem isoliert hat. „Nein Papa, ich kann jetzt nicht ins Krankenhaus fahren, ich muss arbeiten.“, hab ich gesagt. Musste ich aber gar nicht, reiner Selbstschutz.
So zerbrechlich sah sie aus
Der Selbstschutz löste sich auf und wurde zum zermürbenden schlechten Gewissen. Der Weg ins Krankenhaus war als ob ich auf den elektrischen Stuhl müsste. Ich wollte sie so nicht sehen, so zerbrechlich, so schwach. Wo waren die gute Laune, die mahnenden Worte über zu viel Schokolade und der leckere Kuchen? Alles wurde ersetzt durch kalte Krankenhauswände, den ekelhaften Geruch von Desinfektionsmitteln und das laute Wimmern ihrer Zimmernachbarin. Sollte meine Oma wirklich so sein? Ich wollte das nicht in Erinnerung behalten.
Der Arzt war sachlich-fachlich und dafür hasste ich ihn. Wie konnte er nur so über meine Oma reden, es war doch immerhin meine Oma! Er erzählte irgendwas von Wasser und Herz und anderen Dingen, die ich nicht verstanden habe. Ich konnte die ganze Zeit nur in ihre Augen sehen und sah..... Nichts mehr. Der gutmütige Glanz, die Liebe, alles war weg.
Mit der Faust ins Gesicht
Und dann war es soweit, mein Vater rief mich erneut an und sagte mir: „Julia, die Oma kommt jetzt ins Altersheim.“. Das traf mich wie eine Faust ins Gesicht. Ich hätte damit rechnen können, aber ich tat es nicht. Und wieder kam die Luftblase, die mich von allem abschottete und mich in einen Zustand verfallen ließ, den ich niemals wieder erleben möchte. Meine Oma im Altersheim? Jetzt wird einer sagen, das sei doch nicht schlimm. Das würde ja nicht bedeuten, dass sie bald sterben würde. Doch, das tat es.
Nur wenige Monate nach ihrem Einzug ins Altersheim klingelte mein Telefon erneut. „Julia, die Oma ist gestorben.“. Und jetzt kam nicht die Luftblase, sondern erneut die Faust, doch sie traf mich nicht nur einmal, es fühlte sich an wie tausend Schläge. Ich saß auf meinem Stuhl und verstand die Welt nicht mehr. Und da sitze ich heute noch.