VON CLEMENS POKORNY | 02.12.2013 15:56

Unglückliche Reiche?

Immer mehr Menschen in den reichen OECD-Staaten schlucken Antidepressiva. Dafür gibt es mehrere Gründe, und welche davon dominieren, ist umstritten. In Deutschland dürfte Stress ein wesentlicher Faktor bei der Zunahme von Depressionen sein. Der lässt sich aber durch ein verändertes Verhalten reduzieren. Und Glücksforscher behaupten, dass Lebensqualität und Lebenszufriedenheit als verfassungsrechtlich verbrieftes Staatsziel die Politik dazu bringen könnte, die Lebensqualität im Hinblick auf mehr Glück und weniger psychische Leiden zu verbessern.


Am 21. November 2013 veröffentlichte die OECD zum siebten Mal ihren Bericht „Health at a glance“ („Gesundheit auf einen Blick“). Darin werden Veränderungen im Gesundheitssystem der 33 teilnehmenden wohlhabenden Mitgliedsstaaten der OECD über längere Zeiträume hinweg dokumentiert. Ein alarmierendes Ergebnis: Zwischen 2000 und 2011 stieg der Konsum etwa der medizinisch umstrittenen Antidepressiva zwischen 2000 und 2011 von 35 auf 56 tägliche Dosen pro 1.000 Einwohner. Deutschland liegt zwar mit durchschnittlich 50 Dosen klar unter dem Mittel, verzeichnete in dem fraglichen Zeitraum aber eine Verdopplung der Antidepressiva-Verschreibungen. Sind wir Bewohner der wohlhabendsten Staaten der Erde wirklich so unglücklich, wie diese Zahlen suggerieren?

UNICEF-Studie: Deutsche Kinder sind unglücklich

Die beschriebene Entwicklung hat mehrere Gründe. Einerseits werden laut Psychiatern immer mehr Depressionen diagnostiziert, die früher nicht als solche erkannt oder den Ärzten von den Betroffenen gemeldet wurden. Zudem werden Antidepressiva mittlerweile auch bei Angststörungen oder chronischen Schmerzen verschrieben, die auf psychische Probleme zurückgeführt werden. Außerdem deutet die Zunahme in Ländern wie Spanien, Portugal oder Großbritannien auf einen Zusammenhang mit der Finanzkrise hin: Fehlt die beruflich-finanzielle Sicherheit, nimmt Stress zu, der wiederum zu psychischen und schließlich psychosomatischen Krankheiten wie Depressionen führen kann. Dieses Indiz dürfte auf Deutschland zutreffen, wo sich laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse rund 60% der Menschen gestresst fühlen (!). Dass an der Spitze der OECD-Statistik Island (jeder 10. Isländer schluckt Antidepressiva!) und Kanada stehen, lässt vermuten, dass auch Klima und Dunkelheit dieser Länder zu vermehrten Depressionen führen – wie nördliche Nationen ja auch für hohe Selbstmordraten bekannt sind. Antidepressiva zur Behandlung von Symptomen, die geographisch oder politisch-ökonomisch bedingt sind?

Kritiker verweisen darauf, dass diese Medikamente besonders viele Nebenwirkungen hätten oder keinen höheren Erfolg zeitigten als Placebos. Die OECD selbst findet, dass Antidepressiva mittlerweile viel zu schnell verschrieben würden, während die Psychiater mit dem Verweis auf Behandlungserfolge an den Pillen festhalten wollen. Fest steht, dass in den OECD-Staaten generell immer mehr Tabletten geschluckt werden, zum Beispiel gegen erhöhten Blutzucker. An der Pillengläubigkeit verdient die Pharmaindustrie – und korrupte Ärzte gleich mit.

Vielleicht sollte daher der Kampf gegen die grassierende Depression an Strukturen statt Individuen ansetzen. Glücksforscher wie Karlheinz Ruckriegel, der schon vor längerem auf den Zusammenhang zwischen Produktivität und Zufriedenheit hingewiesen hat, fordern denn auch, Lebensqualität und Lebenszufriedenheit als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen. Die Politik müsste dann konkrete Schritte zur Umsetzung dieses Verfassungsauftrags erwägen. „Gelingende soziale Beziehungen, Gesundheit und eine Tätigkeit, die mich befriedigt“ hält der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno Frey für zentrale Faktoren des individuellen Glücks, die politisch berücksichtigt werden müssten. Zur Vermeidung von Stress empfiehlt der Psychiater Hans-Joachim Thimm, Oberarzt in der Dortmunder Spezialklinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, ein einfaches Rezept: „80 Prozent reichen, nicht alles selbst machen, aufteilen, delegieren, Frühwarnzeichen beachten, Erfolge feiern und sich belohnen.“ Ein reflektiertes Leistungsdenken statt Antidepressiva als Weg zum Glück? Auch die nächste OECD-Studie wird uns nicht zeigen können, welcher Weg tatsächlich aus der Medikamentenfalle führt, da sie nur beobachtbare Fakten als Momentaufnahmen einer gesellschaftlichen Situation vergleicht. Dass Antidepressiva Depressiven in keinem Fall ausreichen, um glücklich zu werden, dürfte dagegen unumstritten sein.