von Janina Totzauer | 18.12.2017 12:46

Mexiko und Donald Trump: Ein Schmunzeln und ein Platzhalter

Laut Donald Trump sind sie Drogenhändler, Kriminelle und Vergewaltiger. Eine Mauer soll US-Amerikaner vor dem illegalen Eindringen des kriminellen, mexikanischen Volkes schützen. Vor den Drogenkartellen und dem wilden Chaos jenseits der Grenze. Dass Trumps Aussagen rassistisch und populistisch sind, muss man an dieser Stelle keinem Europäer erklären, doch wie fühlt sich die mexikanische Jugend, wenn der amerikanische Nachbar ihm solche Anschuldigungen um die Ohren wirft?



Viele Mexikaner und Mexikanerinnen in den Großstädten sind entweder in den USA aufgewachsen oder haben eine höhere Schule in den Staaten besucht. Fast alle meiner Freunde haben Verwandte in Texas oder New England. Das Band zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika war immer eng. Mexiko gehört als einziges lateinamerikanisches Land Nordamerika an und kann dank der Nähe zu den USA einige Vorteile verbuchen: Der Preis für Importe hält sich in Grenzen, US-amerikanische Firmen sind willig Standorte in Mexiko zu errichten und jegliche freie Medien schwappen ohne weiteres über die Grenze. Der junge Großstadtmexikaner spricht beinahe akzentfreies Englisch, arbeitet in internationalen Firmen und steht auf keiner Weise einem jungen US-Amerikaner nach. Wie fühlt es sich also für einen Menschen an, der bisher die Hälfte seiner Persönlichkeit einem Land zuschrieb, das ihn nun Vergewaltiger nennt?

„Die Wahlurnen verschwinden sowieso“

Sie schütteln nur gemeinhin den Kopf. Wann immer ich mit meinen Freunden in der Hauptstadt die Nachrichten verfolge oder Trumps Kopf auf einer Zeitung erscheint, bin ich über die Reaktionen überrascht. Man scheint sich gar nicht weiter darum zu kümmern. Hier und da fällt ein Witz auf Trumps Kosten, man schmunzelt vorzüglich über seine neuesten Twitter-Posts und erklärt mir, dass man Rücksicht nehmen müsse. Nicht jeder US-amerikanische Staatsbürger hätte die Möglichkeit gehabt, eine höhere Bildung zu genießen. Es gäbe schlimme Probleme jenseits der nördlichen Grenze, und diese Probleme versuchen viele Politiker auf die „bösen Immigranten“ abzuwälzen. Die Mexikaner scheinen Profis zu sein im Umgang mit dysfunktionaler Politik. Jahrzehnte der Korruption, der inneren Politgefechte und des Wahlbetrugs haben das mexikanische Volk abgestumpft. Viele meiner Freunde waren noch nie in ihrem Leben wählen, da es keinen Unterschied mache. Man sagt, am Ende gewinne der mit der meisten Macht und den gewitztesten Hintermännern. „Die Wahlurnen verschwinden sowieso. Wieso soll man sich davor noch die Mühe machen und seinen Sonntag für den Wahlgang verschwenden.“ Man lacht lieber über die Politik, als sich aufzuregen. Die mexikanische Jugend hat gelernt, selbst aktiv zu werden; die Straßen vor ihren Häusern selbst auszubessern und nicht darauf zu hoffen, der Staat würde das Geld dafür aufbringen. So lacht man heute über zwei Präsidenten, über den eigenen und den der USA.

Fuerza Mexico: Eine Generation erfindet sich neu

Die von Trump versprochene Mauer wurde zwar bis heute nicht gebaut, trotzdem hat sich aber einiges an der Grenze zwischen den USA und Mexiko verändert. Schon seit Jahrzehnten ist Mexiko als Ruhestandsdomizil unter Rentnern und Rentnerinnen aus den USA beliebt, doch seit den letzten Wahlen, füllen sich die Straßen der Hauptstadt auch mit jungen US-Staatsangehörigen. Bereits rund 1 Millionen US-Amerikaner leben in Mexiko, doch die Zahlen steigen. Auf der anderen Seite immigrierten zwischen 2009 und 2014 870.000 mexikanische Staatsangehörige in das nördliche Nachbarsland, was weniger als ein Drittel der Immigrierendenzahl zwischen 1995 und 2000 darstellt. Der mexikanische Lebensstandard verbessert sich, während die politische Situation in den USA sich verschlechtert. So entfloh zum Beispiel Julia aus meinem Spanisch-Kurs als überzeugte Linke der rassistischen und homophoben Grundstimmung ihrer Heimatstadt in den USA. In Mexiko wird sie mit offenen Armen aufgenommen. Ihre Residency-Erlaubnis hält sie in nur sechs Wochen in Händen. Das einzige, an das sich die geflüchtete US-Amerikanerin noch zu gewöhnen hat, sind die vielen Witze auf Kosten ihres Präsidenten.

Wer steht hinter dem Clown?

Trotz all des Humors bleibt eine Unsicherheit zurück. So lächerlich der amerikanische Präsident für die Mexikaner auch sein mag, so undurchsichtig ist das Gewebe hinter ihm. Viele Mexikaner sehen den Präsidenten als einen Clown, der ablenken soll, während im Hintergrund die Manege langsam umgebaut wird. Einen Platzhalter, der die Medien einnimmt, und somit von einem größeren Übel ablenkt. Was dieses größere Übel sein kann, wird immer wieder gern in abendfüllenden Diskussionen mit viel Tequila und Mezcal debattiert, während auf dem flimmrigen Fernsehbildschirm der kleinen Taqueria Trump mit Hitler verglichen wird. Die Oma im Schaukelstuhl lacht vergnügt auf, und ich erkläre an diesem Tage zum vierten Mal, dass ich Deutsche und nicht „Gringa“ (US-Bürgerin) bin. Man tätschelt mir erleichtert auf die Schulter: Da hätte ich wohl nochmal Glück gehabt.