VON CHARLOTTE MEYER | 12.08.2015 15:08

Energiearm im reichen Deutschland – über ein komplexes Problem der Energiewende

In Deutschland sind die Zahlen für Haushalte, die an Energiearmut leiden, ungenau. Vor allem im Zuge der Energiewende kommt das Thema in Deutschland wieder auf, da zusätzlich zu den stark gestiegenen Energiepreisen noch weitere Umlagen für die Umstellung auf Erneuerbare Energien für die Verbraucher hinzu kommen werden. Das macht den Strom teuer. Energiearmut als soziale Dimension der Energiewende rückt in der Politik weiter in den Fokus. Was das eigentlich ist und wie es zustande kommt, erklärt UNI.DE.


Ein wieder erstarkendes Problem in Deutschland

Energiearmut hat zweierlei Dimensionen: Es kann einerseits die Zugangsprobleme von Menschen zu Energie bezeichnen, was vor allem in Entwicklungsländern ein Problem ist. Andererseits beschreibt es den Zusammenhang zwischen Energiekosten und Armut in Industrieländern. In Europa gibt es dieses Problem nur noch in Irland, Frankreich und Großbritannien, doch auch in Deutschland kommt das Thema im Zuge der Verteuerung von Energie durch die Energiewende wieder zur Sprache. In einer im Mai dieses Jahres veröffentlichten Studie der Ludwig-Maximilians-Universität galten solche Haushalte als energiearm, in denen mehr als zehn Prozent des Einkommens für Energiekosten aufgewendet werden müssen. Die Studie nahm sich als Beispiel die Stadt München und fand heraus, dass dort rund zehn Prozent der Haushalte an Energiearmut leiden. Betroffen waren vor allem Haushalte in den unteren Einkommensklassen. Das heißt, je niedriger das Einkommen, desto mehr muss davon für Energie aufgewendet werden. Energie gehört dabei zu den „notwendigen Gütern“, die von allen Haushalten auf vergleichbare Weise verbraucht werden, denn jeder Haushalt benötigt Wärme und Strom für eine ausgeglichene Lebensweise.

Energiewende: Zu anstrengend, zu teuer, zu unbequem?

Empfänger von Sozialleistungen am schlimmsten betroffen

Besonders problematisch ist Energiearmut darüber hinaus für Empfänger von Sozialleistungen: So entspricht der Regelbedarf des Arbeitslosengelds II, laut Berechnungen der Verbraucherzentrale NRW, nicht den aktuellen Energiepreisen und passt sich auch nur mangelhaft an diese an. Das heißt, je nach Stromtarif und Größe des Haushalts entsteht so eine Unterdeckung von 20 bis 45 Prozent. Der Grund für diese Falschbemessung ist die Orientierung des ALG II am Stromverbrauch von Geringverdienern, der um 15 Prozent geringer ist als der von Hartz-IV-Empfängern. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sich ALG II- Empfänger energiesparende Geräte nicht leisten können und aufgrund mangelnder Erwerbstätigkeit mehr Zeit zu Hause verbringen. Die Caritas hat in diesem Zusammenhang eine notwendige Erhöhung des Regelsatzes um 27 Prozent, das heißt 9,26 Euro errechnet. Ebenso betroffen sind zudem BAföG-Empfänger, da auch bei dieser Leistung steigende Energiepreise nicht mit einberechnet werden. Die Folge der falschen Bemessung von Regelsätzen sind oftmals Schulden bei Energieversorgern, die durch Nebenforderungen wie beispielsweise Mahngebühren verschärft werden und die schlimmstenfalls zu Stromsperren oder zur Abschaltung des Stroms führen. Vor allem schutzbedürftige Personen wie Alte, Kranke und Schwangere kommen aus diesem Teufelskreis nicht mehr heraus. An dieser Stelle müsste über Wege nachgedacht werden, für solche Gruppen Stromsperren zu vermeiden.

Routinen, Gebäudezustand und Bildung sind Probleme

Doch nicht nur steigende Energiepreise können Haushalte in die Armut treiben, sondern auch Routinen, Haushaltsgeräte und der Gebäudezustand sind entscheidend für den Verbrauch. Relevant sind darüber hinaus die Wohnfläche und die Anzahl der Personen, die in einem Haushalt wohnen. Auch fand die Münchner Studie heraus, dass sich auch Bildung auf den Energieverbrauch auswirkt. So hatten Befragte mit niedrigerem Bildungsniveau Schwierigkeiten, Abrechnungen nachzuvollziehen oder waren nicht vertraut mit energiesparenden Heiz- und Lüfttechniken. Oftmals kümmerten sich Haushalte erst dann um den Energieverbrauch, wenn die Kosten eine zu große Belastung für die meist niedrigen Einkommen wurden. Als Lösung des Problems der Energiearmut bietet die Münchner Studie unterschiedliche Möglichkeiten. Eine ist zum Beispiel Energieberatung: Hierbei werden einkommensschwache Haushalte von Fachleuten über Einsparmöglichkeiten und Energieverbrauch in Kenntnis gesetzt und es werden Erfolgskontrollen durchgeführt. Auch machen zur Bekämpfung von Energiearmut energetische Sanierungen von Gebäuden Sinn, falls die Kosten dafür nicht den Einspareffekt übersteigen. Hier müssen besonders arme Haushalte unterstützt werden, da sie sich die damit verbundenen Mieterhöhungen oftmals nicht leisten können und zum Umzug gezwungen werden. Generell wird von der Studie als stärkste Methode die Kostenkontrolle durch Information über den Energieverbrauch gesehen. Sobald man weiß, wie viel man verbraucht, kann man seine Routinen ändern und anpassen.

Komplexe Lösungsansätze gefordert

Doch ist es zu kurz gedacht, Information allein als Schlüssel zur Behebung von Energiearmut zu sehen. Entgegen der Münchner Studie stellt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen fest, dass es sich bei Energiearmut um ein komplexes Problem der Energie- und Sozialpolitik handelt und dieses darüber hinaus weitere Felder der Politik berührt wie etwa die Verbraucher-, Bildungs- und Wohnungsbaupolitik. In diesem Sinne sind sowohl Information, als auch Gebäudesanierung, Bildung, neue Tarifsysteme, Möglichkeiten des Tarifwechsels für Einkommensarme und die Aufstockung von Sozialleistungen als Gesamtpaket mögliche Lösungsansätze. Bisher ist das Thema Energiearmut in Deutschland wenig erforscht und Maßnahmen zu deren Vermeidung geringfügig erprobt. Nicht nur die Politik ist ressortübergreifend gefragt, sondern auch Energieunternehmen und örtliche Sozialbehörden. Auch individuell müssen Verbraucher Problemlagen erkennen und bestehende Angebote zur Selbsthilfe nutzen. Nur so kann das komplexe Problem der Energiearmut angegangen werden.