von André Jörg | 01.12.2017 10:39

Von Flipper zu Herrn Dr. Delphin – Delphintherapie, ein umstrittenes Therapieangebot

Ein Thema, das medial in regelmäßigen Abständen dankend aufgegriffen wird, ist die Frage, ob die sogenannte Delphintherapie, die vor allem bei autistischen Kindern Anwendung findet, unterstützend wirkt oder schlichtweg eine krude Melange aus Tierquälerei und Abzocke darstellt. Wie so oft, wenn es um Tier, Mensch und Geld geht, sind auch hier die Fronten verhärtet und es wird kräftig in die Tasten der Gefühlsorgel gegriffen.

Die meisten Assoziationen, die man zu Delphinen hat, sind positiv konnotiert und oft mit der eigenen Kindheit verwoben. Man denkt an den immer fröhlich schnatternden Flipper, der wie ein verniedlichter Superheld stets zur Hilfe bereit steht, an Reportagen über Delphine, die Schiffbrüchigen das Leben retten oder an irgendwelche halsbrecherische Zirkusnummern in Freizeitparks. Allenfalls eine Folge der Simpsons, in der Delphine die Herrschaft über Springfield erobern, kontrastiert auf süffisante Weise dieses Zerrbild. Dies aber nur am Rande. Wissenschaftliche Untersuchungen sagen den Delphinen sogar eine Intelligenz nach, die der des Menschen kaum nachsteht.

So stellt sich natürlich die Frage, was da gegen eine Therapie mit eben diesen Tieren spricht. Häufig begeben sich Familien unter großer Erwartungshaltung für bis zu 10.000 Euro auf eine Reise in ferne Länder, um ein solches Therapieangebot wahrzunehmen. Wenn man bereit ist solche Kosten zu tragen, muss zumindest der Glaube an die Wirksamkeit gegeben sein. Das übliche Prozedere besteht dort in einer konventionellen Gesprächs- oder Verhaltenstherapie, und im Anschluss daran darf der Patient, quasi als Belohnung, ein wenig mit dem Delphin plantschen. Manch ein Befürworter dieser Therapieform bezieht sich sogar auf die Produktion von Ultraschallwellen durch die Delphine, die beruhigend auf das Gemüt wirken sollen. Wobei es genau so viele Stimmen gibt, die das genaue Gegenteil behaupten. Auch ein Indiz dafür, wie unerforscht der wahre Nutzen dieser Therapieform ist.

Dagegen gibt es wesentlich fundiertere Studien, die besagen, dass tiergestützte Therapien mit domestizierten Tieren wie Hunden, Katzen, Pferden, aber auch Kaninchen durchaus zu Behandlungserfolgen führen können. Als eine fast schon ganzheitliche Behandlungsform gilt die Hippotherapie. Dabei unternehmen Patienten und Patientinnen therapeutisch begleitete Ausritte, wobei die Muskulatur entspannt und gestärkt werden kann. Auch der Gleichgewichtssinn soll davon profitieren. Und ganz nebenbei können die so Behandelten Erfolgserlebnisse feiern und auch dadurch ihr Selbstwertgefühl stärken. Allein schon das Streicheln des Fells eines Tieres erzeugt nachweislich das Hormon Oxytocin, im Volksmund auch Kuschelhormon genannt, das Gefühle von Geborgenheit erzeugt. Diese tierischen Co-Therapeuten kommen mittlerweile flächendeckend in Krankenhäusern und Alten-Pflegeheimen zum Einsatz.

Nähert man sich nun der Frage, in wie weit die Delphintherapie im Gegensatz dazu in Sachen Tierschutz aufgestellt ist, so lässt sie sich nur schwer legitimieren. Die zur Familie der Wale gehörenden Säugetiere sind im Gegensatz zu den oben genannten domestizierten Tieren, Wildtiere. Sie können mit Geschwindigkeiten von bis zu 55 km/h vorankommen und bis zu 15 Minuten lang 300 Meter tief tauchen. Hinzu kommt, dass sie soziale Wesen sind und mitunter in Rudeln von bis zu 1.000 Tieren auftreten. Ein Delphinarium, in dem sie gehalten werden, kann natürlich keine ihrer spezieseigenen Verhaltensweisen ermöglichen. Dementsprechend hoch ist die Anzahl von frühzeitig versterbenden Delphinen oder Delphinen mit Krankheitsbildern wie Magengeschwüren oder Zügen von Depression. Krank werden im Dienste des Heilens. Schaut man sich einen der Werbefilme für die Delphintherapie an, so entschwindet zusehends der Anschein von Seriosität des Ganzen. Man hat eher den Eindruck, einen Werbeclip für Disneyland zu sehen.

Mit dem Smartphone zur geistigen Gesundheit?

Um am Ende einen kleinen Exkurs zu wagen: Es fällt immer wieder auf, wie unterschiedlich der Grad der Empörung in der Öffentlichkeit gegenüber dem Umgang mit Tieren ausfällt. Um ein - zugegeben - stereotypes Beispiel zu bemühen: Der sogenannte Abendländer diffamiert gerne den Chinesen als Tierquäler, der Hunde in engen Zwingern hält, um sie dann nach einer bestialischen Tötung genüsslich zu verzehren. Dabei wird aber gerne vergessen oder ausgeblendet, welche Unmassen von Tieren beispielsweise im Schweinehochhaus in Deutschland Jahr für Jahr nach einem ähnlich kläglichen Dasein für diverse Leibgerichte ihr Leben lassen. Ohne zu viel moralisieren zu wollen, sieht es doch so aus, dass viele dazu neigen nicht mit gleichem Maß zu messen. Gebratener Hund böse, Leberkäsesemmel lecker. Analog zur Kritik an der Delphintherapie könnte es sich im Zweifel ähnlich verhalten, wenn bei der Therapie nicht Delphine, sondern Aale zum Einsatz kämen.

Bild von ketennison auf Pixabay.