VON RICHARD KEHL | 09.10.2012 14:55
Interview mit Florian Opitz über seinen Film "Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"
UNI.DE: Zeit ist ja relativ, gibt der Film eine Antwort darauf, warum wir Zeit so empfinden, dass sie mal schneller und mal langsamer vergeht. Was ist der Indikator
Florian Opitz: Nein, da gibt es keinen Indikator. Im Film geht es primär um die Zeit, die wir durch die fortschreitende Technik eingespart haben und diese eigentlich für Freizeit nutzen sollten, dies aber nicht tun. Beispiel: Wir schreiben keine Briefe mehr, dafür ein umso Vielfaches an E-Mails...
UNI.DE: Die Zeit, die wir sparen um entschleunigt zu leben wird uns sozusagen, von der Freizeit geklaut, kann man das so interpretieren?
F. O.: Ja, da stimme ich voll überein. Ein anderes Beispiel: Wir reisen viel und immer schneller und in weiter entfernte Länder und versuchen so viel wie möglich in unser kurzes Leben reinzupacken, evtl. sogar 3-4 Leben auf einmal zu führen, statt nur eines zu leben.
Filmkritik
Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
[...]»
UNI.DE: Im Film wird Entschleunigung auch mit Glück in Verbindung gebracht, inwiefern
steht Glück mit Entschleunigung in Verbindung?
F. O.: Entschleunigung muss nicht zwangsläufig mit Glück in Verbindung stehen. Es gibt auch "zwangsentschleunigte" Leute, die zum Beispiel von Harz IV leben müssen. Glück und Entschleunigung stehen im Zusammenhang, wenn man sich das Leben nicht von Maschinen aufoktroyieren lässt, sondern sich für einen großen Weg zu entscheiden und darauf zu konzentrieren, statt 1000 Optionen von kleineren Wegen, die uns durch die Technik ermöglicht werden, zu gehen.
Oder man nehme auch das Beispiel im Film der Bergbauernfamilie, die ihr einfaches und entschleunigtes und glückliches Leben leben und auf Geld keinen Wert legen. Allerdings ist auch deren Glück durch die beschleunigte Welt des Kapitalismus, der Globalisierung und des Preisdumpings in Gefahr.
UNI.DE: Entschleunigung und Luxus - kann man primär nur entschleunigt leben, wenn man
finanziell unabhängig ist? (Beispiel, ausgestiegener Investment-Banker) Auch wenn man zwangsentschleunigt wird, muss man ja sehen wie man über die Runden kommt.
F. O.: Nein aussteigen und entschleunigt leben, kann jeder. Sicherlich hat es ein ehemaliger Investmentbanker leichter als ein Harz IV Empfänger, aber auch ein Angestellter kann entschleunigt leben. Wir müssen nur gegen das bestehende System sein, Stichwort ist wieder das bedingungslose Grundeinkommen.
UNI.DE: Ist Aussteigen und Entschleunigung das Gleiche, ja, nein, warum?
F. O.: Nein, Entschleunigung ist das individuelle Leben so zu gestalten, ohne dabei Angst zu haben, etwas zu versäumen, Aussteigen ist eher das Extrem der Entschleunigung und sicherlich nur für wenige Menschen zutreffend.
UNI.DE: Welches war negativste Erlebnis während der Dreharbeiten?
F. O.: Die Maschinen sollen uns das Leben erleichtern, aber genau das Gegenteil ist der Fall, sie kontrollieren uns bereits, ähnlich wie im Film „Terminator“ gezeigt wird. Der Finanzmarkt in London, der im Film auch gezeigt wird, ist rein computergesteuert. Die Infrastruktur wird hierfür von der Nachrichtenagentur Reuters in London bereitgestellt und dem eigentlichen Zweck der Nachrichtenübermittlung entfremdet. Die Consultants haben mir erklärt, dass der ganze Finanz-Handel computergesteuert ist. Innerhalb von Mikrosekunden, das ist das Millionstel einer Sekunde, wird gekauft und verkauft. Je öfter man etwas kaufen und verkaufen kann, desto mehr Profit kann man damit machen. Das errechnen Computer ohne Rücksicht auf jegliche Ethik.
UNI.DE: Und das positivste Erlebnis
F. O.: Das Treffen mit Tompkins, dem Gründer von Northface und Esprit Textilien, der sein Geld zum Schutz der Umwelt investiert und die Geburt meines zweiten Sohnes, dass alles so reibungslos und gut verlaufen ist.
UNI.DE: Welches war das absurdeste Erlebnis während der Dreharbeiten
F. O.: Die Absurdität lag in den Dreharbeiten selbst: Man macht einen Film über Entschleunigung, die Zeit während des Drehs war allerdings die beschleunigste Zeit meines Lebens.
UNI.DE: In Bhutan ist die Krankenversicherung Staatssache. Sollte man dies nicht zum
Vorbild nehmen in Deutschland - eine kostenlose Grundversicherung - die
eingesparten Kosten könnte man doch dann wieder zur Rentenfinanzierung gegen
die Altersarmut verwenden?
F. O.: Das war ja eigentlich auch im Sinn der Gründerväter dieses Staates, dass man in Deutschland genügend sozial abgesichert sein soll und auch solche Kosten der Staat tragen soll. Das Bruttonationalglück Bhutans bietet sicherlich viele Ansätze, die man übernehmen könnte.
UNI.DE: Die Schere zwischen armer und reicher Gesellschaft klafft immer mehr
auseinander. Inwiefern kann ein Modell des bedingungslosen Grundeinkommens
dieser Entwicklung entgegenwirken und warum?
F. O.: Das absolute Grundeinkommen ist sicherlich die Lösung aller Probleme, aber dadurch ist niemand mehr gezwungen seine Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis zu stellen, um ein existenzsicherndes Auskommen zu haben.
UNI.DE: Ist der Film ein Plädoyer an das absolute Grundeinkommen?
F. O.: Absolut. Es wäre auf jeden Fall einmal einen Versuch wert, das System des absoluten Grundeinkommens auszuprobieren und Reformen voranzutreiben. Ich wehre mich einfach gegen das herrschende System der Alternativlosigkeit. Es gibt jede Menge schlauer Leute von rechts bis links, die sagen, das würde funktionieren und uns auch billiger kommen, satt die momentan herrschende „Sozialstaats-Bürokratie“ aufrecht zu erhalten.
UNI.DE: Der Film ist technisch sehr aufwendig gemacht, mit vielen Effekten. Warum
werden Dokumentarfilm-Inhalte mit action- und spielfilmartigen Elementen
aufgepeppt. Ein neuer Trend?
F. O.: Danke, das freut mich. Wir haben sehr viel Wert darauf gelegt, auch Leute visuell anzusprechen und haben das auch sehr aufwendig in der Produktion in Szene gesetzt. Ich will ja auch mit dem Film unterhalten, nicht nur informieren, da ist ein guter Kameramann und Cutter Gold wert. Ob das ein neuer Trend ist, kann ich nicht sagen, nur für uns sprechen.
UNI.DE: Wie sieht Ihre Vision von einer idealen und entschleunigten Welt aus?
F. O.: Ich bin kein Utopist - keine Ahnung. Ich bin nur ein kleiner Filmemacher und schon froh, wenn ich Diskussionen zu diesem Thema vorantreiben kann.
-
Burschenschaften - Zwischen Tradition und Extrem
„Ehre, Freiheit, Vaterland“ - lautete der Wahlspruch der Urburschenschaft von 1815. Viele Studentenverbindungen verwenden ihn noch heute und bekennen sich zu ihren konservativ-traditionellen Werten. Aber wo liegt die Grenze zwischen traditionellem und rechtem Gedankengut?
[...]»
-
Generelles Tempolimit auf Autobahnen – ein empfindliches Thema
Der gemeine Deutsche ist gern pünktlich. Deshalb hat er es oft eilig. Da kommen ihm die Autobahnen ohne Tempolimit gerade recht. Wenn es aber nach SPD, Grünen und der Linkspartei geht, sieht es bald anders aus. Sie machen sich für ein generelles Tempolimit stark. Staus sollen so vermieden, der CO2-Ausstoß reduziert werden. Welche Folgen hätte eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung? Was spricht dafür, was dagegen?
[...]»
-
Reichtum auf Knopfdruck – Wenn Maschinen die Börse einnehmen
Reichtum per Knopfdruck. Das versprechen die Verkäufer von Expert Advisors, also computerisierten Buchhaltern. Für ein paar tausend Euro kauft man ein Programm, das alle Börsengeschäfte erledigt, im Bruchteil einer Sekunde selbständig Wertpapiere kauft und verkauft – und am Ende möglichst viel Gewinn herausschlägt. Aber was steckt dahinter? Und für wen lohnen sich die Programme tatsächlich?
[...]»
-
Eurobonds: Chancen und Risiken
Seit drei Jahren hat die Staatsverschuldung mehrerer EU-Länder bedrohliche Ausmaße erreicht. Sind Eurobonds, also die Übernahme ihrer Schulden durch weniger verschuldete Länder in Form von Staatsanleihen, ein Ausweg aus dieser Krise?
[...]»
-
Beamtendeutsch – Oder: „Wie bitte?“
Wer schon einmal einen Brief von einer Behörde oder einem Amt bekommen hat, der musste vielleicht ein Wörterbuch oder gar einen Germanisten zu Rat ziehen, denn leider haben wir in der Schule kein Beamtendeutsch gelernt.
[...]»
-
Missbrauch in der Katholischen Kirche - Projekt zur Aufdeckung scheitert
Das Forschungsprojekt zur Untersuchung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche wurde abgebrochen. Die Kirche kündigte den Vertrag mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN).
[...]»
-
Wozu ein Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse?
Müssen Suchmaschinenbetreiber künftig Lizenzgebühren an Verlage zahlen, weil sie deren Presseerzeugnisse verlinken? Und welche Folgen hätte ein solches Leistungsschutzrecht?
[...]»
-
Ulrich Grillo - Neuer Präsident des BDI
Ulrich Grillo ist neuer Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Am 1. Januar 2013 löste er Amtsinhaber Hans-Peter Keitel ab. Als neuer Vorstand des Vereins muss er den Verband durch die Eurokrise führten und für Einigkeit in der Energiewende sorgen.
[...]»
-
Die schmutzige Seite des sauberen Krieges – Der Drohnenkrieg der USA
Sie sind billig, sie sind präzise, sie schonen das Leben der eigenen Soldaten und sie können mögliche Angriffe schon im Keim ersticken. Soweit sprechen alle Fakten für den Einsatz von bewaffnete Drohnen zu militärischen Zwecken. Die Schattenseite der technischen Kampfflugzeuge: zivile Opfer, psychologischer Terror und Willkür der Befehlshaber. Was ist dran am „sauberen Krieg“?
[...]»
-
Pussy Riot
Drei maskierte Frauen stürmen eine Moskauer Kirche und geben lautstark ein Punkgebet gegen Putin von sich. Für ihr regimekritisches Verhalten wurden zwei der Musikerinnen zu mehreren Jahren Straflager verurteilt, eine erhielt eine Bewährungsstrafe, während die vierte schon durch Flucht einer Verhaftung entgehen konnte. Die russische Kirche, die Putin unterstützt, fordert Buße von den Gotteslästerinnen, der Rest der Welt ist bestürzt und muss doch hilflos zusehen, wie die jungen Mütter für ihren Mut bestraft werden.
[...]»