VON MAXIMILIAN REICHLIN | 26.11.2015 16:28

Die Atmosphäre als Gemeingut – Kann ein Paradigmenwechsel den Klimawandel stoppen?

Die Welt nutzt ihre Atmosphäre aktuell als Depot für schädliches CO2. Als solches steht sie allen Nationen zur Verfügung und wird von allen genutzt. An einigen Stellen wird deshalb eine ökonomische Lösung diskutiert: Die Atmosphäre sollte als „Commons“ betrachtet werden, als Gemeingut, das von allen Parteien genutzt und gepflegt wird. Das würde aber große Industrienationen wirtschaftlich einschränken und erfordert deswegen ein radikales Umdenken in der weltweiten Klima- und Wirtschaftspolitik. Könnte ein solcher Paradigmenwechsel noch das Schlimmste verhindern?


Im Klimadiskurs prallen viele unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Ein Lösungsansatz plädiert dafür, die Erdatmosphäre als Gemeingut, als sogenanntes „Commons“ zu betrachten. Konkret würde das bedeuten, dass die Klimapolitik künftig in der Pflicht stünde, klare Regelungen und politische Maßgaben zu formulieren, um die Nutzung der Atmosphäre zu begrenzen, beziehungsweise von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus zu reglementieren. Das betrifft vor allem die Nutzung der Atmosphäre als Depot für schädliche Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid (CO2).

Denn der Klimawandel kommt. Aktuell lagern über 800 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre und beschleunigen so den Treibhauseffekt, der für eine rasante Erwärmung des Erdklimas sorgt. Um einen globalen Temperaturanstieg um zwei Grad Celsius zu verhindern, dürfen nach Schätzungen des UN-Umweltprogramms (UNEP) nur maximal 1.000 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre deponiert werden. Unser aktuelles „Budget“ beträgt also noch etwa 200 Milliarden Tonnen CO2. Bei gleichbleibenden Emissionszahlen könnte dieses Budget bereits in rund zehn Jahren ausgeschöpft sein.

Gegen den Klimawandel: Boykott der fossilen Energieträger

Die Atmosphäre ist ein Niemandsland – Sie sollte aber ein Gemeingut sein

Eine Definition der Atmosphäre als Gemeingut würde an diesen Zahlen zwar nichts ändern, aber zumindest die globale Klimapolitik in die Pflicht nehmen, das verbliebene Budget so unter einzelnen Staaten zu verteilen, dass ein bindender Schlüssel entsteht. Das ist keine Patentlösung, denn ein weiteres wichtiges Ziel wäre dann immer noch die Senkung des weltweiten CO2-Ausstoßes auf ein vertretbares Maß sowie die Förderung erneuerbarer Energien. Als Systemwechsel kann ein solcher Schritt allerdings auch zu einem Umdenken in der Debatte führen.

Aktuell wird das CO2-Depot Atmosphäre nicht als Gemeingut sondern als sogenanntes „Niemandsland“ genutzt. Sie steht für alle zur Verfügung und kann von jedem genutzt werden, ähnlich wie ein Stück Land, das niemandem gehört. Hier lautet die Devise: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und das bedeutet für die aktuelle Debatte: Da die Atmosphäre keinem Staat gehört, kann auch kein Staat dafür zur Rechenschaft gezogen werden, so oder so viele Tonnen CO2 in die Atmosphäre zu blasen, selbst wenn andere Staaten dann ein kleineres Restbudget zur Verfügung hätten.

Die Abkehr vom kapitalistischen Wirtschaften: Ein nötiger Paradigmenwechsel

Ein Sprung vom Niemandsland zum Gemeingut würde das ändern. Der Unterschied ist simpel. Ein Niemandsland gehört niemandem, ein Gemeingut gehört allen Parteien gleichermaßen. Daher müssen sich auch alle Parteien gleichermaßen gemeinsam um das betreffende Gemeingut kümmern und dürfen sich nicht gegenseitig übervorteilen. Eine solche Denkweise steht in einem krassen Gegensatz zum kapitalistisch geprägten Wirtschaftswesen des 19. und 20. Jahrhunderts und stellt deswegen, so der deutsche Klimaforscher Ottmar Edenhofer, eine neue ökonomische Herausforderung dar.

Vor allem die großen Industrienationen, die Hauptverursacher der Übernutzung der Atmosphäre als CO2-Depot, müssten demnach einen Paradigmenwechsel durchmachen: „Die Nutzung fossiler Energieträger muss […] global gedeckelt werden. Das aber führt zu Verteilungskonflikten. Wenn ein Großteil ihrer Kohlenstoffressourcen im Boden bleiben muss, kommt Klimapolitik für die Besitzer von Kohle, Öl und Gas einer Entwertung ihres Vermögens gleich.“ Eine Abkehr vom erfolgsorientierten Denken und hin zur Idee der Atmosphäre als Gemeingut sei deswegen von einem klimapolitischen Standpunkt aus unabdingbar.