VON MAXIMILIAN REICHLIN | 13.06.2016 17:34

Sprechen Computer bald unsere Sprache? Facebook stellt DeepText vor

Mit seinem neuen Tool DeepText will Facebook die Texteingaben von Nutzerinnen und Nutzern analysieren und verstehen können. Das System soll angeblich lernfähig sein und angezeigte Inhalte je nach Intention und Aussage der Nutzenden anpassen können. Vor allem im Messenger soll das Tool zum Einsatz kommen, was aus Datenschutzgründen nicht frei von Kritik ist. DeepText reiht sich damit ein in die lange Kette an Texterkennungsprogrammen, die bislang allerdings kaum ausgereift sind. Könnte Facebook das mit seinem ehrgeizigen Projekt ändern?


Das neue Facebook-Tool soll die menschliche Sprache verstehen

Anfang des Monats hat der amerikanische Internetriese Facebook sein neues Tool DeepText vorgestellt. Das Texterkennungssystem soll in der Lage sein, eingegebene Texte der Nutzerinnen und Nutzer zu verstehen und darauf zu reagieren. Facebook selbst behauptet, das Tool verstehe 20 verschiedene Sprachen und basiere auf einem lernfähigen neuronalen System, mit dessen Hilfe Sprache mit „nahezu menschlicher Genauigkeit“ analysiert werden könnte. Erwähnen die Anwendenden in einer Gruppe etwa, dass sie ein Fahrrad verkaufen möchten, soll DeepText nicht nur verstehen, dass etwas verkauft werden soll, sondern auch was und zu welchem Preis. Facebook könnte den betreffenden NutzerInnen dann mithilfe eines Algorithmus auf Verkaufsmöglichkeiten innerhalb der Plattform hinweisen.

Vordergründig, so ein Blogeintrag der Entwickler, soll die Texterkennung genutzt werden, um Nutzerinteressen zu analysieren und unrelevante Kommentare oder Spam zu erkennen und zu entfernen. Mögliche Anwendungsgebiete wären das Soziale Netzwerk selbst sowie der Facebook Messenger, in dem DeepText bereits jetzt sporadisch eingesetzt wird. Die Möglichkeiten des Tools sind allerdings aus Datenschutzgründen nicht eben ungefährlich, denn DeepText könnte auch zum Einsatz kommen, um sich in private Unterhaltungen einzuschalten. Tauschen sich zwei Chattende etwa darüber aus, dass sie sich ein Taxi nehmen oder eine Pizza bestellen wollen, könnte DeepText diese Intention verstehen und den beiden Vorschläge dafür unterbreiten – ohne dass diese Facebook jemals darum „gebeten“ haben.

Die EU und unsere Daten – wo bleibt der Schutz?

DeepText steht in der Tradition bekannter Chatbots

Damit erinnert DeepText an die sogenannten Chatbots. Bei diesen handelt es sich entweder um technische Spielereien, beispielsweise die Web-Anwendungen Cleverbot oder Eviebot, oder um Servicehilfen. Chatbots sollen die Sprache eines Menschen in einem textbasierten Chat nachahmen und sich mit den Nutzenden unterhalten können. Beispielsweise soll Poncho, ein Wetterbot, in der Lage sein, auf Fragen wie „Wie wird das Wetter heute?“ oder „Brauche ich einen Regenschirm?“ adäquate Antworten zu liefern.

Andere Chatbots könnten im Netz auf die Suche nach Bildern gehen oder auf wichtige Termine hinweisen. DeepText zielt auf ähnliche Serviceleistungen ab – mit dem Unterschied, dass die Nutzenden im Falle eines Chatbots weiß, welche Informationen sie gerade einer Maschine anvertrauen, wohingegen Facebooks neues Tool unbemerkt im Hintergrund arbeiten kann.

Computer und Sprache – Eine lange Geschichte

Die Idee einer menschenähnlichen digitalen Texterkennung ist nicht neu, sondern besteht schon seit den Anfängen der Computertechnik. Bereits in den 80er Jahren beschäftigten sich Forscher mit den Möglichkeiten der KI (= Künstliche Intelligenz), also lernfähigen und selbstständig denkenden Computerprogrammen. Bislang war die digitale Text- und Spracherkennung allerdings noch kaum ausgereift.

Ein Indikator dafür ist der Loebner-Preis, der seit 1991 jährlich an ein Entwicklerteam vergeben werden soll, das eine KI mit authentischem Chatverhalten entwickelt. Bis zum heutigen Tag wurde der mit 100.000 US-Dollar dotierte Preis noch nicht ausbezahlt. Chatbots sind also von einem inhaltlichen Textverständnis noch weit entfernt und verdienen kaum die Bezeichnung Künstliche Intelligenz. Das ehrgeizige Projekt DeepText könnte diesen Umstand allerdings ändern.

Wo kommen Spracherkennungssysteme zum Einsatz?

Ähnliche, wenn auch nicht dermaßen umfassende Tools werden auch heute bereits eingesetzt. Beispielsweise als Features in Textverarbeitungsprogrammen, die falsch geschriebene Worte erkennen können. Oder als Analyse-Tools, die sogar die Grundregeln der Grammatik beherrschen und den Schreibenden Vorschläge zur Optimierung ihrer Sprache machen. Auch Systeme wie Apples Siri nutzen rudimentäre Text- und Spracherkennung. Der Rating-Algorithmus der Suchmaschine Google ist ebenfalls ein Texterkennungssystem, das nicht nur Schlagworte auf Webseiten herausfiltert, sondern Texte auch inhaltlich prüft – und somit ihre Qualität bewerten kann.