VON MAXIMILIAN REICHLIN | 01.07.2014 08:29
Atmosfair – Im Fluge zum guten Gewissen
Es ist eines der großen Probleme unserer heutigen Gesellschaft – einerseits wird Klimaschutz, gerade in den letzten Jahren, immer wichtiger, andererseits wollen viele Verbraucher aber nicht auf gewisse Annehmlichkeiten verzichten. Eine dieser Annehmlichkeiten ist das Fliegen. Die gemeinnützige GmbH Atmosfair aus Berlin versucht, diese beiden Pole zu verbinden. Das Versprechen: Der Reisende muss nicht auf das Fliegen verzichten, kann allerdings trotzdem klimabewusst und mit reinem Gewissen reisen. Ob und wie dieses System funktioniert und warum es überhaupt nötig ist, zeigt UNI.DE.
Das Zauberwort hier heißt Kompensation. Atmosfair basiert auf einem Spendenprinzip. Der Fluggast kann dabei bei jeder angestrebten Flugreise einen gewissen Betrag an Atmosfair spenden, der dann wiederum in Umweltschutzprojekte auf der ganzen Welt investiert wird. Der Clue: Mithilfe einer eigenen Software, einem Emissionsrechner, kann Atmosfair die genaue Menge an CO2 und anderen Treibhausgasen ermitteln, die durch einen bestimmten Flug pro Passagier ausgestoßen wird – und die Höhe der Spende dahingehend anpassen. Die genaue CO2-Emission eines Fluggastes kann also durch dessen Spende an einer anderen Stelle eingespart werden. Trotzdem will Atmosfair nicht zum Fliegen ermuntern – gerade bei kurzen Reisen empfiehlt die gGmbH den Reisenden, lieber auf das Auto oder die Bahn auszuweichen, um die CO2-Belastung möglichst gering zu halten.
Ein mutiges Projekt, finden Befürworter, vor allem in Zeiten, in denen die Tourismusbranche immer größer wird. Gerade der Flugverkehr verzeichnet jährlich einen Zuwachs, die Anzahl an privaten und geschäftlichen Flugreisen steigt beinahe in jedem Jahr. Dabei ist die Emission von Treibhausgasen wie CO2 bei Flugzeugen exorbitant hoch – eine Flugreise in die Vereinigten Staaten erzeugt pro Passagier etwa eine Emission von bis zu 4.000 Kilogramm CO2 und mehr. Zum Vergleich: Um mit dem Auto die gleiche Menge an CO2 zu erzeugen, müsste man 2 Jahre lang damit fahren. Die minimal nötige Spende für diesen Flug läge bei 80 bis 100 Euro.
Nur 8 Prozent der Spenden fließen dabei in die Verwaltung von Atmosfair, der gesamte Rest kommt ohne Umweg direkt bei den unterstützten Projekten an. Eines dieser aktuell 16 Projekte läuft im indischen Bundesstaat Rajasthan. Hier beschränkt sich die Landwirtschaft beinahe ausschließlich auf den Anbau von Senf, dessen Abfallprodukte bisher nutzlos waren und meist direkt auf den Feldern verbrannt wurden. Durch den Einsatz von Atmosfair wird nun, in einem nahen Biomassekraftwerk, damit Strom produziert, völlig frei von fossilen Brennstoffen. Die Einsparung, laut der TÜV-geprüften Atmosfair: 35.000 Tonnen CO2.
Aufgrund solcher Zahlen, wie auch aufgrund der Transparenz der gGmbH und der hohen ökologischen und sozialen Standards, ist Atmosfair aktuell führender Testsieger in den meisten Vergleichen von Kompensationsanbietern und wird auch in internationalen Tests als einer von wenigen empfehlenswerten Anbietern gepriesen. Lediglich die Organisation myClimate erzielte etwa im Test des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung Nordeuropa ähnlich gute Ergebnisse. Kritiker werfen solchen Organisationen, wegen ihrer Philosophie „gutes Gewissen gegen Geld“ allerdings einen modernen Ablasshandel vor. Diese Analogie geht aber nicht auf, so Dietrich Brockhagen, der Geschäftsführer von Atmosfair. Während durch den mittelalterlichen Ablasshandel ausschließlich die Interessen von „Kirchenbonzen“ unterstützt wurden, kommt hier das Geld – im vergangenen Jahr etwa 160.000 Euro – auch wirklich beim Projekt an und hat einen nachverfolgbaren und greifbaren Nutzen: die Milderung des weltweiten CO2-Ausstoßes.
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