VON CLEMENS POKORNY | 16.09.2014 17:41

Wissenschaft: Das, was Wissen schafft?

„Wissenschaft“ ist gar nicht so leicht zu definieren – und „Wissen“ schon gar nicht. Ein Blick auf die Geschichte der Wissenschaft zeigt zwar, dass Wissen durch die Gründung von Universitäten und deren Ausdifferenzierung in Fakultäten immer besser kultiviert wurde. Doch Philosophen hegen den begründeten Verdacht, dass wir trotz allem nicht immer weiser werden, sondern nur unsere Sicht auf die Welt solange verfeinert wird, bis unlösbare Probleme damit auftreten – und man sich einem völlig neuen Weltbild zuwenden muss.


Wissenschaft schafft Wissen (auch wenn das etymologisch nicht ganz richtig ist). Oder? Was verstand man früher und heute gemeinhin unter „Wissenschaft“? Worin unterscheiden sich Wissen und Glauben? Und wird die Menschheit immer klüger, je mehr Wissen sie hervorbringt?

Der Begriff „Wissenschaft“ umfasst durchaus mehrere verschiedene Aspekte. Forschung gehört als eine Wissen schaffende Tätigkeit ebenso dazu wie die Vermittlung von Wissen durch Lehre an angehende (potentielle) Wissenschaftler und der institutionelle Rahmen, in dem geforscht und gelehrt wird (Hochschulen, Forschungsinstitute usw.). Umgangssprachlich versteht man unter „Wissenschaft“ auch die Summe wissenschaftlicher Erkenntnisse. Von solchen könnte man im europäischen Kulturraum schon bei den antiken griechischen Naturforschern und Philosophen beginnend sprechen, die die überkommenen Erklärungen der Religion, etwa für Phänomene wie Sonne oder Blitz, in Frage stellten. Schon damals wurden wissenschaftliche Institutionen gegründet, die Wissen zusammentrugen, kritisch auswerteten und mit logischen wie empirischen Methoden versuchten, neues Wissen zu erschließen. Im frühen Mittelalter kümmerten sich Kloster- und Domschulen um Lehre und Forschung, ab dem 11. Jahrhundert wurden zunächst in Italien und Frankreich, später nach und nach überall in Europa Universitäten gegründet. Sie hatten den Anspruch, in einer Gemeinschaft der (adeligen) Lehrenden und Lernenden (von lat. universitas = Einheit) zunächst, in einer Art Grundstudium, sieben „freie Künste“ zu vermitteln, also solches Wissen, das dem freiem Bürger als würdig angesehen wurde. Diese „artes liberales“ umfassten Grammatik (des Lateinischen, der damaligen Wissenschaftssprache), Dialektik (aristotelische Logik) und Rhetorik (der lateinischen Autoren) als ersten Teil der Ausbildung („trivium“, daher unser Wort „trivial“), sowie Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie („quadrivium“). Darauf baute die Ausbildung in einer von drei Spezialdisziplinen auf: Medizin, Theologie oder Jura, also weltliches und kirchliches Recht. Mit Trivium (≈ Geisteswissenschaften), Quadrivium (≈ Naturwissenschaften) sowie den drei „Hauptfächern“ war die Entwicklung der Fakultäten vorgezeichnet, wie wir sie bis heute kennen.

Keine Erfolgsgeschichte

Wilhelm von Humboldt unterstrich Anfang des 19. Jahrhunderts die Bedeutung der Universität im Wortsinne als Einheit von Lehre und Forschung. Dies war im deutschsprachigen Raum lange Konsens und wird erst seit der Bologna-Reform zunehmend in Frage gestellt. Nach Humboldt befruchten Forschung und Lehre sich gegenseitig und müssen daher miteinander verbunden bleiben, damit Wissen optimal generiert werden kann. Doch was ist eigentlich „Wissen“?

Bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt man sich an eine Definition, die Platon in seinem Dialog Theaitetos der Figur des Sokrates in den Mund gelegt, aber selbst nicht für gültig gehalten hatte: Wissen sei demnach „wahre Überzeugung mit Rechtfertigung“. Damit entsteht das nächste Problem: Was ist „wahr“? Und selbst wenn man sich etwa darauf einigt, dass Wahrheit in der Überstimmung von theoretischer Erkenntnis („innen“) und Sinneswahrnehmung („außen“) bestehe, taugt Platons Definition nicht. Beispielsweise hat ein Mensch, der um 12 Uhr auf seine vor exakt 12 (24, 36, ...) Stunden stehengebliebene Analoguhr sieht, eine wahre Überzeugung – weil es ja wirklich 12 Uhr ist –, und er kann seine Überzeugung damit rechtfertigen, dass seine Uhr noch nie falsch gegangen sei oder neue Batterien habe usw. Eine allgemein anerkannte Definition des Wissens gibt es bis heute nicht. In jedem Fall unterscheidet sich aber Wissen vom bloßen Glauben darin, dass empirische oder logisch einwandfreie Beweise für es angeführt werden können – während die mittelalterlichen Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, als gescheitert gelten dürfen.

Doch kommt Wissenschaft wirklich zu sichereren Erkenntnissen als Religion? Man hielt die Erde so lange für den Mittelpunkt der Welt, bis Kopernikus eine andere Wahrheit herausfand. Die Newtonsche Mechanik wurde von Einsteins Relativitätstheorie abgelöst und diese wiederum von der Quantenmechanik. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Samuel Kuhn hat diese wissenschaftlichen Revolutionen, die er „Paradigmenwechsel“ nannte, als Veränderung des axiomatisch gedachten Bezugssystems (Paradigma) von Wissenschaft beschrieben. Die Axiome eines Paradigmas wie der Relativitätstheorie werden nach Kuhn so lange akzeptiert, bis ihnen zu viele empirische Befunde widersprechen – dann findet der Zufall oder ein genialer Kopf irgendwann ein völlig neues Bezugssystem, das die Widersprüche auflöst, aber mit dem alten Paradigma unvereinbar ist. Dann beginnt die Wissenschaft, die Welt anders zu beschreiben – aber deshalb noch lange nicht besser, solange keine „Weltformel“ gefunden ist, die alles widerspruchsfrei erklären und alle konkurrierenden Theorien und Paradigmen miteinander versöhnen könnte.

Wissenschaft ist also mitnichten die Anhäufung wahrer Fakten, sondern unterliegt selbst Beschränkungen, insofern Wissenschaftler ihre Forschungsgegenstände immer durch eine subjektiv gefärbte Brille betrachten, die manches besonders gut hervorhebt, aber anderes ausblendet. Daher muss die schon von Aristoteles aufgestellte Forderung der Wertfreiheit von Wissenschaft als unerreichbares Ideal angesehen werden – oder besser noch als Aufforderung an Wissenschaftler, sich ihrer unhintergehbaren Subjektivität bewusst zu sein.