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VON INFORMATIONSDIENST WISSENSCHAFT  |  13.08.2012 10:23

Spiritualität auf dem Weg zur Globalisierung

Spiritualität und säkulare Ideen sind gemeinsam in Europa und den USA entstanden

Spiritualität ist nicht mehr das, was sie mal war - soviel steht für den Anthropologen Peter van der Veer fest. Am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen hat er am Beispiel Chinas und Indiens die Bedeutung des Spirituellen und seiner Wandlungsprozesse in modernen Gesellschaften untersucht. Dabei hat er festgestellt, dass Widersprüche zum Konzept der Spiritualität dazu gehören. Auch standen diese keineswegs einer Weltkarriere im Wege. Allerdings widersprechen viele der modernen Trends der ursprünglichen Idee der Spiritualität.

Spätestens als zur Sommersonnenwende sich mehrere tausend Menschen gemeinsam auf dem Times Square zum Sonnengruß streckten, wurde allgemein sinnfällig, wie sehr Yoga zu einer westlichen Massenbewegung geworden ist. Peter van der Veer bezweifelt, ob solche Veranstaltungen tatsächlich noch etwas mit den ursprünglichen Vorstellungen von Spiritualität zu tun haben: "Es fehlen die kritischen Elemente, wie sie noch in den spirituellen Ideen zu Beginn des 20. Jahrhunderts steckten.“

Für van der Veer gehört die Spiritualität zusammen mit anderen säkularen Ideen von Nationen, Gleichheit, Bürgertum, Demokratie und Rechten zu den zentralen Elementen in der Geschichte der Modernität, die sich gegen die althergebrachten Gesellschaftsordnungen und Wertvorstellungen richteten. "Das Spirituelle und das Säkulare sind im 19. Jahrhundert gleichzeitig als zwei miteinander verbundene Alternativen zur institutionalisierten Religion in der Euro-Amerikanischen Moderne entstanden", so lautet eine der Kernthesen des gebürtigen Niederländers. Damit verweist er ganz nebenbei auch die verbreitete Ansicht, dass die Wiege der Spiritualität in Indien liegt, ins Reich der modernen Mythen. "Es gibt nicht einmal ein Wort für Spiritualität in Sanskrit", sagt van der Veer.

Auch von Hinduismus, Taoismus oder Konfuzianismus ist in Asien vor der Begegnung mit dem westlichen Imperialismus nicht die Rede gewesen. Zu einem "-ismus" haben sie sich erst durch die intellektuelle Wechselwirkung mit dem Westen gewandelt. Dieser rege geistige Austausch zwischen Ost und West ist nach van der Veers Überzeugung ein wesentliches Element in der Entwicklung der Modernität im Allgemeinen sowie ihrer Spiritualität im Besonderen. "Für mich ist sie Teil eines Prozesses, den ich als interaktionale Geschichte bezeichne", so der Göttinger Max-Planck-Direktor.

Tatsächlich beschränkt sich der Austausch der neuen revolutionären Ideen nicht nur auf die Kommunikation zwischen den USA und Europa. Auf der Suche nach Alternativen zu den institutionalisierten Religionen hatte sich der Blick westlicher Intellektueller, Künstler oder anderer gesellschaftlicher Vordenker schon früh auf die Traditionen des Ostens gerichtet. Die Liste derer , die sich in ihren Werken oder Briefen auf indische Vorbilder bezogen, liest sich wie ein "Who-is-Who" der europäischen Geisteswelt: Sie reicht von Voltaire, Herder, Humboldt, Schlegel, Novalis bis hin zu Schopenhauer oder Goethe, der unter anderem spezielle Theatertechniken aus dem Sanskrit in seinen Faust einbaute.

Vorstellungen kursierten von Indien als Ort der Spiritualität, des Mystizismus und des Geburtsortes alter philosophischer Traditionen, mit denen sich die Sinnlücken füllen ließen, die sich seit der Aufklärung für viele aufgetan hatten. "Diese wiederum stießen auch in Indien selbst auf fruchtbaren Boden", so der Forscher über die wechselseitige Dynamik der Gedankenströme. Vor allem religiöse Bewegungen in Indien machten sich den westlichen Diskurs über fernöstliche Spiritualität zu Eigen. Bald mischten sich auch politische Untertöne in die Diskussionen. "Manche betonten, dass Hindus die wahren Inder seien, deren Zivilisation durch die muslimische Herrschaft vom Untergang bedroht sei", beschreibt der Göttinger Anthropologe das aufkeimende Nationalgefühl, das sich in die Debatte mischte. Andere sahen den Westen und insbesondere die britische Kolonialmacht als Gefahren für die hinduistische Kultur und Zivilisation und setzten auf die Spiritualität zur Rückgewinnung oder Wahrung der eigenen Identität.

Wie die verschiedenen Konzepte von Spiritualität zeigen, vereinen sie eine Reihe von Widersprüchen und Gegensätzen. So erscheint Spiritualität als universaler Gedanke, der gleichzeitig an nationale Konzepte gebunden sein kann. Als exemplarisch dafür nennt van der Veer den Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung Mahatma Gandhi. " Gandhi zufolge sollte niemand, der in eine bestimmte Tradition und Zivilisation geboren wurde, missioniert oder konvertiert werden", so der Forscher. Stattdessen sollte jeder Mensch die Wahrheit in seinen eigenen Traditionen suchen. In diesem Sinne konnte Gandhi für eine spirituelle Nation argumentieren, die internationale religiöse Unterschiede überwindet. "Angesichts der Tatsache, dass die Spannungen zwischen Moslems und Hindus zu den größten Problemen des indischen Subkontinents gehören, war die Vorstellung einer solchen universalen, allumfassenden Spiritualität von außerordentlicher politischer Bedeutung", sagt van der Veer.

Gandhis Interpretation von Spiritualität sind auch in anderer Hinsicht interessant, denn ihre Grundeigenschaften können für das Gesamtkonzept gelten. Auch hält er dessen Vorstellungen für ein gutes Beispiel dafür, dass Spiritualität keineswegs das Gegenteil von Säkularität ist. "Gandhis Spiritualität war mit ihr zutiefst verbunden, wenn er argumentierte, dass alle Religionen gleichbehandelt werden sollten und der Staat sich neutral zu ihnen verhalten sollte." Diese spirituellen Prinzipien sind nach wie vor in Indien gültig und demonstrieren die Kontinuität zwischen der kolonialen und postkolonialen Situation. "Man könnte sie als indischen Säkularismus bezeichnen", meint van der Veer.

Auch in Spiritualität und Materialität sieht er keinen Gegensatz. "Vielmehr bedingen sie häufig einander", hat der Forscher anhand der Entwicklungen in China und Indien beobachtet. Erst durch die Liberalisierung der Wirtschaften unter dem Einfluss des globalen Kapitalismus, sind in China als einem Land, das den Konfuzianismus durch einen aggressiven Säkularismus ersetzte, der die Religionen, Tempel und Priester massiv attackiert hatte, wieder traditionelle spirituelle Vorstellungen und Praktiken wie Tai Chi, Feng Shui oder Qi Gong gesellschaftsfähig geworden. Diese Verbindung von Spiritualität und Materialität im Gefolge der ökonomischen Globalisierung ist auch in Indien zu sehen. Im Fall Indiens ging der Impuls von der hochgebildeten Mittelklasse aus, die in den 1970er und 1980er Jahren in die USA gegangen waren, um dort Jobs in medizinischen oder technischen Berufen zu finden. "Dort wurden sie mit der aggressiven Vermarktung indischer Spiritualität konfrontiert, die auf einem Markt für Gesundheit, Sport oder Managementtraining angeboten wurde", berichtet van der Veer. Es dauerte nicht lange und diese Praxis wurde auch nach Indien importiert.

Für den vielleicht interessantesten Teil der Liaison mit dem neoliberalen Kapitalismus hält der Göttinger Forscher die globalen Businesspraktiken, bei denen die Spiritualität Mittel zum Zwecke der Erfolgssteigerung wird. Zwar verzögerte sich durch Chinas Isolation zwischen 1950 und 1980 die Einführung der chinesischen Spiritualität auf dem Weltmarkt, doch haben sie mit Tai Chi, Qi Gong und Feng Shui den weltweiten Massenerfolg von Yoga inzwischen schon fast aufgeholt.

Offenbar passen Meditationstechniken und spirituelle Erfahrungen hervorragend zum Lebensstil und Zeitgeist moderner Arbeitnehmer auf dem Weg der Selbstoptimierung für Markt und Wirtschaft. Außerdem präsentieren experimentelle Stile spirituellen Lebens eine Alternative zu dem vielen als leer erscheinenden säkularen und religiösen Leben. "Von außen betrachtet, erlauben sie Menschen innerhalb disziplinierender Institutionen ohne ein Übermaß an Stress oder Depressionen ihre Ziele in Karriere und Leben zu verfolgen", meint van der Veer. Anstatt sich den Herausforderungen des eigenen Lebens zu stellen, richtet man sich mit der wie auch immer produzierten spirituellen Erfahrung gemütlich ein.

Wenn Yoga, Tai Chi oder Chi jedoch als Produkte der Wellnessindustrie einer Körperkultur zur Steigerung der Effizienz von disziplinierten, wohltemperierten Arbeitnehmern in einer kapitalistischen Gesellschaft dienen, führt sich die Bewegung, die sich in ihren Anfängen gegen das Establishment oder gegen den Kolonialismus oder Kapitalismus richtete, ad absurdum.