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HGB Leipzig  |  07.04.2026 14:12

Das Kuratorische im Fokus – mit Beatrice von Bismarck verabschiedet die HGB Leipzig eine ihrer prägendsten Lehrpersönlichkeiten

Zum Ende des Wintersemesters hat mit der Kunsthistorikerin, Kuratorin und Publizistin Prof. Dr. Beatrice von Bismarck eine der prägendsten Lehrpersönlichkeiten die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig verlassen. Spätestens seit ihrem Ruf an die Leipziger Kunstakademie im Jahr 2000 setzte von Bismarck nicht nur als Professorin für Kunstgeschichte und Bildwissenschaft wesentliche Impulse für die Lehre an der HGB. Sie initiierte die Gründung des Masterprogramms „Kulturen des Kuratorischen“ im Jahr 2009, das deutschlandweit erste Studienangebot im Bereich des Kuratorischen, und war bis 2011 Programmleiterin der hochschuleigenen Galerie. Als Prorektorin im Rektorat von Joachim Brohm von 2003 bis 2011 gestaltete sie darüber hinaus die Transformierung des Hochschulsystems im Zuge des Bologna-Prozesses an der HGB. Nicht zuletzt trug sie als Wissenschaftlerin mit ihrer umfangreichen Forschungs-, Vortrags- und Publikationstätigkeit maßgeblich zum Renommee der HGB als Kunsthochschule mit internationaler Strahlkraft bei, die nicht nur für eine exzellente künstlerisch-praktische Ausbildung steht, sondern auch für innovative Lehre und Forschung in Philosophie, Kunst- und Medientheorie sowie Theorien des Kuratorischen.

Von Bismarck studierte Kunstgeschichte in Freiburg, München, London und Berlin. Im Zentrum ihrer Arbeitsweise stehen Ansätze, die die Theorie und Praxis kultureller Produktion miteinander verbinden. Zu ihren aktuellen Untersuchungsgebieten zählen neben den ästhetischen, sozialen und politischen Potentialen kuratorischen Handelns die Konsequenzen der Globalisierung für das kulturelle Feld und die Funktionen des postmodernen Künstler:innenbilds. Von 1989 bis 1993 war sie am Städelschen Kunstinstitut und der Städtischen Galerie in Frankfurt/Main als Kuratorin der Abteilung 20. Jahrhundert tätig. Anschließend arbeitete sie von 1993 bis 1999 an der Universität Lüneburg, wo sie zusammen mit Diethelm Stoller und Ulf Wuggenig den „Kunstraum der Universität Lüneburg“ gründete und unter anderen das Ausstellungsprojekt „Services“ (Andrea Fraser/Helmut Draxler, 1994) realisierte. 2000 folgte von Bismarck dem Ruf an die HGB Leipzig als Professorin und Programmleiterin der hochschuleigenen Galerie. Zusammen mit Alexander Koch initiierte sie den /D/O/C/K Projektbereich der HGB. Zu den Ausstellungsprojekten des D/O/C/K gehören etwa „3 Tage: Herstellen von Öffentlichkeit: Künstlerische Selbstorganisation“ (mit Julie Ault, Dresden 2000), „In welcher Haltung arbeiten Sie bevorzugt? Kunst im Verhältnis zur Konstruktion von Arbeit“ (mit Andreas Siekmann, Leipzig 2002), „be creative! Der kreative Imperativ“ (mit Marion von Osten, dem Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst in Zürich und dem Museum für Gestaltung Zürich, Zürich/Leipzig 2002) und „Raumvermittlung“ (mit Dorit Margreiter, Leipzig 2006).

2001/2002 konzipierte von Bismarck für die HGB Galerie „Grenzbespielungen. Performativität und Übergangszonen“, ein Ausstellungs‐ und Veranstaltungsprogramm, an dem unter anderen Ursula Biemann, Roger M. Buergel, Harun Farocki, Gordon Matta–Clark, Angela Melitopoulos, Christian Philipp Müller, Walid Ra´ad, Juliane Rebentisch, Irit Rogoff, Martha Rosler und Hito Steyerl beteiligt waren. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Programmleiterin der Galerie kuratierte von Bismarck außerdem u.a. zusammen mit Christine Rink und Jörn Schafaff die dreiteilige Jubiläumsausstellung „Nur Hier!“ (2005). Sie holte Ausstellungsprojekte ans Haus wie „Formen der Organisation“ (2003, kuratiert von Roger M. Buergel und Ruth Noack), oder „Ökonomien des Elends ‐ Pierre Bourdieu in Algerien“ (2006, kuratiert von Christine Frisinghelli).

Beatrice von Bismarck ist Initiatorin des 2009 eingerichteten Masterprogramms „Kulturen des Kuratorischen“ an der HGB. Der weiterbildende Studiengang ermöglichte es erstmals Menschen mit unterschiedlichen interdisziplinären oder professionellen Hintergründen, eine Zusatzqualifikation im Bereich des Kuratorischen zu erwerben und verband anwendungsorientierte Forschungspraxis mit wissenschaftlicher Reflexion. Der Studiengang zeichnete sich aus durch die Verschränkung von Theorie und Praxis: Seminare, Workshops, Vorträge und Exkursionen zu den historischen und aktuellen Verhältnissen, Bedingungen und Potentialen, die das Kuratorische als eine eigenständige kulturelle Praxis herausgebildet hat, kombinierte das Studienprogramm mit kuratorischen Projekten, in denen Studierende ihre eigenen Statements zu den aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten des Kuratorischen entwickeln. Dazu kamen Projekte in Kooperation mit internationalen Kunst- und Kulturinstitutionen wie dem Getty Research Institute, Los Angeles, und der American University Beirut. In Zusammenarbeit mit dem dortigen M.A. Programm „Art History and Curating“ entstand z.B. die Workshopreihe „Being Angry, Being Furious - Wut als produktiver Kraft für kuratorische und künstlerische Praktiken angesichts orientalisierender Bedingungen“. Im Kontext der Forschungsarbeiten von Bismarcks zum Kuratorischen nimmt die Begrifflichkeit der „Hospitalität“ eine zentrale Rolle ein, die sich auch in der Konzeption des Masterstudiengangs einerseits in Einladungen internationaler Künstler:innen, Theoretiker:innen und Kurator:innen als zentralem Bestandteil des Studienangebots niederschlug. Andererseits bildete die Auseinandersetzung mit „Hospitalität“ den Ausgangspunkt für Projekte wie die Tagung „Hospitality: Hosting Relations in Exhibitions“ 2012 in der HGB-Galerie oder die Online-Ausstellung „Gast-Geben / Hospitality“ 2021 im Japanischen Palais (Staatliche Kunstsammlungen Dresden).

Zwischen 2012 und 2019 erschien bei SternbergPress die Reihe „Cultures of the Curatorial“, die von Bismarck zusammen mit Rike Frank (Bd. 2), Jörn Schafaff und Thomas Weski (Bd. 1 und 2) bzw. mit Benjamin Meyer-Krahmer (Bd. 3 und 4) herausgab.
2010 war von Bismarck Guest Scholar am Getty Research Institute, Los Angeles. 2015 erhielt sie die „Opus Magnum“ Förderung der VolkswagenStiftung für ihre umfassende Forschungsarbeit „Das Kuratorische“, die 2021 im Leipziger Spector Verlag veröffentlicht wurde und unter dem Titel „The Curatorial Condition“ in englischer Sprache 2022 bei SternbergPress erschien. Weitere wichtige Publikationen sind „Now-Tomorrow-Flux: An Anthology on the Museum of Contemporary Art” (hg. mit Heike Munder und Peter J. Schneemann, JRP|Ringier, 2017), „Of(f) Our Times: Curatorial Anachronics“ (hg. mit Rike Frank, 2019 SternbergPress), „Broken Relations. Infrastructure, Aesthetics, and Critique“ (hg. mit Martin Beck, Sabeth Buchmann und Ilse Lafer, 2022 Spector Books) sowie „Archives on Show. Revoicing, Shapeshifting, Displacing – A Curatorial Glossary“ (Hrsg., Archive Books 2022).

Weitere Informationen: https://www.hgb-leipzig.de/personen/professor-innen_mitarbeiter-innen/prof-dr-beatricev-bismarck