VON SUSANNE BREM | 25.07.2016 08:35

Korruption in Entwicklungsländern: Wie viel finanzielle Hilfe kommt überhaupt noch an?

130 Milliarden US-Dollar werden zur Entwicklungshilfe jährlich um den Globus geschickt. Eine Zahl mit zehn Nullen – aber so hoch dieser Betrag auch anmutet: Immer wieder werden Zweifel laut, wie viel tatsächlich dort ankommt, wo er hinsoll. Seit Jahren werden hohe Verwaltungskosten und fehlende Transparenz der Geldwege kritisiert, Korruption wird meist totgeschwiegen. Die Autorin Linda Polman spricht sich dafür aus, Entwicklungshilfe stellenweise zu unterlassen, um korrupte Nießnutzende ihrer Vormachtstellung zu entziehen und sich aus deren Abhängigkeit zu lösen. Ist das eine echte Alternative und ist sie notwendig? Gibt es noch vertrauenswürdige Entwicklungsarbeit, ohne gleichzeitig Ausbeutung und Kriege zu finanzieren?


Machtpersonen bereichern sich an Entwicklungsgeldern, für arme Menschen gedachte Finanzspritzen fließen ab in die Prostitution – immer wieder werden Debatten angestoßen, ob (finanzielle) Entwicklungshilfe bereits zu fest mit Korruption und Missbrauch verwoben ist. Das Problem liegt darin, dass helfende Organisationen nicht um eine Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung herumkommen. Die korrupte Politik sitzt hier oftmals am längeren Hebel und veruntreut für Entwicklung gespendete Gelder zum persönlichen Nutzen einzelner Machtpersonen. Eine typische Methode dafür ist die des „kick-back“: Für einen Auftrag wird aus öffentlichen Mitteln (inkl. Geldern für Entwicklungshilfe) ein überteuerter Betrag bezahlt und später inoffiziell anteilig wieder zurückgeschoben. So werden Gelder „offiziell“ umgelagert und finden nicht dorthin, wo sie vorgesehen sind; Infrastrukturen bleiben marode, Bildung und Wissen bleiben unvermittelt, Medikamente unbezahlbar. Stattdessen werden Kriegswaffen gekauft.

Kurzsichtigkeit und undurchsichtige Systeme

Möglich ist das wegen mangelnder Transparenz: in der Bürokratie, aber auch auf der Straße. Hilfsorganisationen tun sich schwer, sich gegen Korruption durchzusetzen, wenn sie etwa an Landes- oder Stadtgrenzen nur gegen ein „Durchlassgeld“ weiterfahren können und selbst bedroht werden. Gleichzeitig sind Machtmissbrauch und Korruption höchst tabuisiert; zu groß ist die Angst bei den Helfenden, die Entwicklungsgelder müssten vollständig zurückgezahlt werden, wenn laut würde, dass ein Anteil abgegeben werden musste, um voranzukommen – und dass diese Gelder letztendlich der Illegalität entgegenfließen, statt in Projekte, die sie bekämpfen. „Wenn die Täter stärker profitieren als die Guten, ist es nicht immer die beste Option, zu bleiben“ – so deshalb die klaren Worte der Autorin Linda Polman. Aber ist ein völliger Rückzug aus der Entwicklungshilfe, der natürlich auch die Hilfsbedürftigen trifft, die beste und einzige Perspektive?

Gefangen vor den Toren Europas - über die tödlichste Grenze der Welt

Die konstante hochdotierte Entwicklungshilfe wird von verschiedenen Seiten kritisch beäugt; ist sie doch eigentlich nur temporär gedacht, um Bedürftigen den Weg in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu erleichtern. Der südafrikanische Wirtschaftswissenschaftler Themba Sono sieht einige Defizite im steten Geldfluss nach Afrika: Die zwanghafte Kooperation mit korrupten Machtpersonen halte illegale Strukturen aufrecht; es werde zu wenig weitsichtig gearbeitet, zu wenig in praxisrelevante Bildung, berufliche Qualifizierung der Bürger und die Schaffung von Arbeitsplätzen investiert. Denn nur dann könnten funktionierend aufgebaute Projekte auch nach dem Ende von Subventionen aus dem Ausland weitergeführt werden.

Auswege finden durch Transparenz und Offenheit

Die Caritas International sieht dagegen einen offenen Umgang mit Risiken und entsprechende Vorsorge gegen Korruption als dringend notwendig an, etwa durch Einbeziehen der Zielgruppe und fest installierter Organisationen vor Ort, um Veränderungen zu prüfen. Verträge mit klaren Rechten und Pflichten beider Seiten (Spender wie Empfänger und Projektausführende) tragen zu mehr Klarheit bei; sie nehmen Entscheidungstragende in Afrika stärker in die Pflicht, verantwortungsvoller gegenüber der Bevölkerung handeln: Entwicklungshilfe ernsthaft und nachhaltig gestalten, konsequent und mit Weitsicht fördern, etwa durch Bildung und faire Arbeitsplätze. Auch braucht es Ansprechpersonen für diejenigen, die auf Korruption stoßen. Eine Enttabuisierung dieser Thematik auch vor Spendern und der Öffentlichkeit müsse vorangetrieben werden, damit die Komplexität des Missstandes vermittelt wird. So wird Verständnis dafür geschürt, wieso eine 100%-Überführung von Spendengeldern schwierig, wenn auch erwünscht ist.

Ein enges Netz gegen Korruption knüpfen: Aiddata

Sono plädiert außerdem für mehr Differenzierung bei der Entwicklungshilfe und für Länder-Patenschaften: Einzelne Industriestaaten sollten ihre Hilfe jeweils auf einzelne Länder konzentrieren. Dadurch würde ihre Arbeit gleichmäßiger aufgeteilt, zielgerichteter und effektiver. Hilfreich sind dafür Online-Datenbanken wie Aiddata. Seit 2009 sammelt, untersucht und publiziert man dort Daten über Region, Projekte, Spendenhöhe usw. von Behörden (wie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD), um den Fluss von Geldern für Entwicklungshilfe nachvollziehbarer und messbar zu machen. So ist leichter ersichtlich, wo Spenden besonders gebraucht werden, aber auch wo sie bisher effektiv und fair eingesetzt wurden und was in Planung ist. Dazu bietet Aiddata Programme zur Wissensvermittlung, wie die bereitgestellten Daten sinnvoll genutzt werden können für weitere Projekte und Forschung. Statt Entwicklungshilfe stellenweise oder temporär einzustellen, liegt in Ideen wie Aiddata eine sinnvolle Alternative, um weiter Hilfe leisten zu können, wo sie notwendig ist, und gleichzeitig Missbrauch und Veruntreuung entgegenzuwirken.