VON MAXIMILIAN REICHLIN | 25.04.2015 15:34

„Die Konsumkultur in eine vernünftige Richtung lenken“ - UNI.DE im Gespräch mit unterfluss.de

Informationen zum Thema Nachhaltigkeit gibt es heutzutage wie Sand am Meer. Gerade im Netz können sich problembewusste Verbraucher jederzeit über nachhaltige Lebensmittel oder alternatives Konsumverhalten informieren. Schnell verliert man den Überblick, denn nicht immer ist auf den ersten Blick zu erkennen, welche Informationen relevant und richtig sind. Aus diesem Grunde haben nun zwei Berliner Jugendfreunde die Webseite unterfluss.de gegründet. Spielerisch vermittelt die Plattform Informationen und Strategien für einen nachhaltigen Lebensstil. Die Gründer Christian Holeksa und Achim Riethmann-Duong verraten mehr über die Hintergründe und Ziele der Seite.


UNI.DE: Herr Holeksa, Herr Riethmann-Duong, sie haben zusammen die Web-Plattform unterfluss.de ins Leben gerufen, die nun seit Januar online ist. Was tut Ihre Website genau, oder was kann ein Besucher mit der Webseite machen?

Riethmann-Duong: Unsere Webseite ist eine Informationsplattform zum nachhaltigen Konsum. Alle interessierten Besucher können sich auf unterfluss.de darüber informieren, welche Handlungen tatsächlich einen positiven Effekt auf unsere Umwelt haben und welche Handlungen dies nicht tun, obwohl sie vielleicht den Anschein erwecken. Wir hoffen, dass wir das auf eine interessante Art und Weise umgesetzt haben.

UNI.DE: Die Umsetzung ist ja recht auffällig, denn die Plattform ist aufgebaut wie eine Art Quiz, in dem der Besucher Fragen zum Thema Nachhaltigkeit beantworten muss. Warum haben sie sich für ein solches Format entschieden?

Holeksa: Achim und ich waren der Meinung, dass Wissensvermittlung grundsätzlich nicht langweilig sein muss. Dieses Frage-Antwort-Spiel soll in erster Linie den Spieltrieb wecken. Wir gehen davon aus, dass das Interesse für den Artikel um einiges höher ist, wenn wir das spielerisch umsetzen. Und ein schöner Nebeneffekt dabei ist auch, dass sich der Besucher mit der Frage auseinandersetzen muss, denn damit er zum Artikel kommt, muss er sich eine Antwortmöglichkeit aussuchen. Das heißt, er muss reflektieren: Was ist seine eigene Meinung? Was glaubt er selbst? Und erst im Artikel erfährt er dann, ob er mit seiner Antwort richtig lag oder falsch.

UNI.DE: Viele dieser Fragen setzen sich gezielt mit Vorurteilen und Falschinformationen auseinander, die ein Besucher mitbringen könnte, wenn er Ihre Seite besucht. Ein Beispiel dafür wäre zum Beispiel die irrige Annahme, es hätte keinen nachhaltigen Nutzen, Altglas nach Farben zu sortieren. Damit räumt die Seite dann auf. Können Sie sich erklären, wie solch falsche Informationen in die Welt gelangen und warum sie sich oft so hartnäckig halten?

Holeksa: Ich schätze, es gibt nicht den einen Grund, aus dem solche Fehlinformationen in Umlauf kommen, eher viele Verschiedene. Ich persönlich fand es grundsätzlich spannend, eben solche Vorurteile im Nachhaltigkeitsbereich aufzudecken, weil die beim Leser einen schönen Aha-Effekt auslösen, wodurch der Artikel viel besser im Kopf des Lesers hängen bleibt.

UNI.DE: Hätten Sie vielleicht noch ein weiteres Beispiel?

Holeksa: Unser Lieblingsbeispiel sind Elektroautos, bzw. die Meinung der Gesellschaft, dass Elektroautos grundsätzlich klimafreundlicher sind als Herkömmliche. Das ist natürlich nicht ganz korrekt, da sich die Emissionen bei einem Elektroauto höchstens verschieben. Zum Kohlekraftwerk und zum Gaskraftwerk hin. Das Argument mit den erneuerbaren Energien ist zwar korrekt, aber aktuell beträgt deren Anteil im deutschen Strommix nur 25%, daher ist ein Elektroauto aktuell im Prinzip nicht sehr viel klimafreundlicher als ein herkömmliches Auto.

UNI.DE: Das heißt die Aufgabe der Seite liegen genau in diesem Bereich, dem Nutzer seine eventuellen Fehler aufzuzeigen und ihm gleichzeitig zu vermitteln, wie er tatsächlich nachhaltig handeln kann?

Rietmann-Duong: Ja, das kann man so sagen, aber im Endeffekt geht es uns nicht nur darum, Vorurteile aufzudecken. Es geht uns darum, glaubwürdige und vertrauenswürdige, also wirklich fundierte Informationen bereitzustellen. Wir haben tatsächlich auch viele Fragen veröffentlicht, auf die wir selbst keine Antwort wussten, und erst dadurch, dass wir recherchiert und Studien herangezogen haben, gelangten wir zu dem konkreten Effekt, den eine bestimmte Handlung hat.

UNI.DE: Auffällig ist, dass die Plattform komplett auf Werbebanner und andere Werbung verzichtet. Wie finanziert sich unterfluss.de? Kann man mit einer solchen Idee Geld verdienen?

Holeksa: Es stimmt, dass wir grundsätzlich auf Werbung verzichten. Wir wollen ausschließlich unabhängige Informationen bereitstellen. Da passt das unserer Meinung nach einfach nicht. Die Webseite haben wir ausschließlich aus Eigenkapital aufgebaut. Das bedeutet, dass wir unabhängig sind und auch unabhängig bleiben können. Wir haben aber verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten implementiert. Ganz einfache Sachen. Wir werden zum Beispiel versuchen, Merchandising-Produkte wie Taschen oder T-Shirts zu verkaufen, dann gibt es auf der Seite die Möglichkeit, direkt zu spenden und wir streben auch mögliche Medienkooperationen an. Unsere Haupteinnahmequelle ist aber mit Sicherheit der Einkaufsführer, den wir entwickelt haben. Ob wir mit der Idee wirklich Geld verdienen können, dass muss die Zukunft zeigen.

UNI.DE: Stichwort „alternativer Einkaufsführer“. Was hat es damit auf sich?

Riethmann-Duong: Der Einkaufsführer listet übersichtlich Plattformen und Firmen auf, die dem nachhaltigen Konsum verpflichtet sind. Wir wollten im Endeffekt die Suche erleichtern für Leute, die sich mit dem Thema beschäftigen, die das Wissen sozusagen bereits haben und die den nächsten Schritt gehen und vernünftig handeln möchten. Es war uns sehr wichtig, dass das übersichtlich ist und einfach zu bedienen. Wenn man nun zum Beispiel nach Schuhen sucht, dann guckt man in unserem Einkaufsführer in der Kategorie „Schuhe“ und dort werden dann nachhaltige Anbieter aufgelistet, bei denen man online Schuhe kaufen kann. Wir bekommen dabei von einigen Firmen Provision, aber nicht von allen. Diese Provisionen werden transparent von uns dargestellt und haben keinen Einfluss auf die Listung, was bei vielen anderen Plattformen der Fall ist. Es ist also völlig unabhängig von der Provision ob und welcher Reihenfolge bestimmte Firmen in unserer Liste auftauchen.

UNI.DE: Wofür steht denn der Begriff „Unterfluss“, der der Webseite ihren Namen gibt?

Holeksa: Das ist eine Wortkreation von uns und ist natürlich eine Anspielung auf die Überflussgesellschaft. Es geht da nicht um Absolute oder so. Es geht uns darum, dass in unserer Überflussgesellschaft tendenziell zu viel und zu verantwortungslos konsumiert wird. Wir versuchen diese Konsumkultur, beziehungsweise das, was daran verkehrt ist, in eine vernünftige Richtung zu lenken. In unserem Einkaufsführer beispielsweise werden nicht nur Firmen gelistet, die verkaufen, sondern an erster Stelle kommen Plattformen, bei denen man etwas reparieren lassen kann, oder mit anderen tauscht. Car-Sharing-Programme zum Beispiel, oder Tauschbörsen und Reparaturcafés. Es gibt oft die Möglichkeit, kaputte Handys reparieren zu lassen, anstatt sich gleich ein neues zu kaufen weil der Akku leer oder die Scheibe kaputt ist. Viele wissen das nicht.

UNI.DE: Wie ist die Idee zu unterfluss.de entstanden?

Riethmann-Duong: Wir interessieren uns schon ziemlich lange für das Thema Nachhaltigkeit. Eigentlich schon seit wir uns kennen, also seit gut 20 Jahren. Es war eigentlich eine Idee von Christian. Entstanden ist sie, da wir uns beide oft aufgeregt haben über die oberflächliche Art, wie Nachhaltigkeit in Massenmedien oder vor allem in der Werbung behandelt wird. Wir wollten dem gerne etwas entgegensetzen, vielleicht eine Alternative schaffen. Es geht eben darum, seriöse Informationen bereitzustellen. Wir glauben, dass diese Informationen bereits existieren, im Internet in Form von Studien etwa. Unser Plan war es, diese Informationen auf einfache Art und Weise wiederzugeben und darzustellen, da viele Menschen überhaupt nicht die Zeit haben, so viel selbst zu recherchieren. Das war unsere Idee und unser Ansatz.

UNI.DE: Alles zusammenzutragen, was an Informationen existiert?

Holeksa: Nicht nur zusammenzutragen, sondern auch aufzubereiten. Oft haben wir mehrere Quellen zu einem bestimmten Thema und wir versuchen, das Ergebnis der eigentlichen Frage in fünf Sätzen zusammenzufassen. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass wir am Ende der Artikel die Links zu den Quellen anbieten. Das heißt, wenn jemand sich noch weiter für ein Thema interessiert, noch mehr wissen möchte, kann er über uns direkt zu den Quellen gelangen.

Riethmann-Duong: Zu guter Letzt schreiben wir auch immer noch eine Handlungsempfehlung. Damit der Leser mit der Information nicht alleingelassen wird, sondern sozusagen das erlernte Wissen auch in der Praxis anwenden kann. Das ist das große Ziel.

UNI.DE: Wie geht es weiter mit unterfluss.de? Welche Pläne existieren für die Zukunft?

Holeksa: unterfluss wird auf jeden Fall kontinuierlich weiter ausgebaut und gepflegt. Das langfristige Ziel ist, dass zukünftig alle Besucher unserer Website auf alle wichtigen Fragen zum nachhaltigen Konsum bei uns eine Antwort finden. Gleichzeitig wird der alternative Einkaufsführer ständig aktualisiert und auch ausgebaut. Aktuell konzentrieren wir uns jedoch die meiste Zeit auf die Öffentlichkeitsarbeit und auf Medienkooperationen. Denn was bringt die tollste und informativste Webseite, wenn sie keiner kennt.